Moritz

1285

Die Großfamilie Strachwitz war urkundlich seit 1285 in Schlesien ansässig.

Moritz Karl Wilhelm Anton Graf von Strachwitz

Moritz Karl Wilhelm Graf Strachwitz, Lithographie von Josef Kriehuber, 1841

Moritz Karl Wilhelm Graf von Strachwitz (* 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien) war ein bekannter Balladendichter, der im Tunnel über der Spree ein Vorbild für Theodor Fontanes Balladendichtungen war.

 

 

Leben

Er entstammte einer schlesischen Adelsfamilie, studierte Jura in Breslau und Berlin. Seit 1845 war er Mitglied des Corps Silesia Breslau. Nach dem Studium leistete er sein Referendariat beim Kreisgericht Grottkau ab. Danach ging er auf Reisen nach Schweden, Norwegen und Dänemark. Daraufhin kehrte er zunächst auf sein Gut Peterwitz zurück, siedelte dann aber auf sein mährisches Gut Schebetau über. Auf einer Italienreise erkrankte er in Venedig und starb kurz vor seiner Rückkehr in Wien.
Viele seiner Gedichte wurden vertont, unter anderem von Robert Schumann, Carl Loewe und Johannes Brahms. Besonders bekannt waren unter anderem „Das Lied vom falschen Grafen“ und „Hie Welf!“.
Von seinem Zeitgenossen Ludwig Fränkel wurde er in der „Allgemeinen deutschen Biographie“ wie folgt charakterisiert: „In dem aufreibenden Leben der Großstädte hatte sich seiner eine gewisse Unruhe bemächtigt, […] nie wieder kam er zur rechten Ruhe, zur Freude am Leben, zur Befriedigung mit seinem Schaffen und sich selbst, zur Erkenntnis seines Berufes“ und „Er war eine kühne, in den demoralisierenden Wandelgängen der großen Welt naiv gebliebene Natur.“
Sein bekanntestes Gedicht ist „Das Herz von Douglas“, aus dem noch gelegentlich zitiert wird:

Sie ritten vierzig Meilen fast
und sprachen Worte nicht vier

und:

kurz ist die schottische Geduld
und lang ein schottisch Schwert!

 

Werke

  • Lieder eines Erwachenden, 1842
  • Neue Gedichte, 1848 (Gedichte aus dem Nachlass) (GBS)
  • Gedichte, Breslau 1850 (Gesamtausgabe)

 

Literatur

  • Ludwig Julius Fränkel: Strachwitz, Moritz Graf von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 36, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 480–483.
  • Gertrud Fischer: Der Verfall des Gehalts der heldischen Ballade von Strachwitz und Fontane bis zu den Epigonen (1840–1880). München 1956 (München, Univ., Diss. phil.).
  • Hanns Gottschalk: Strachwitz und die Entwicklung der heldischen Ballade. Triltsch, Würzburg 1940 (Zugleich: Breslau, Univ., Diss. phil., 1940).
  • Alwin Kurt Theodor Tielo (d. i.: Kurt Mickoleit): Die Dichtung des Grafen Moritz von Strachwitz. Duncker, Berlin 1902 (Forschungen zur neueren Litteraturgeschichte 20), (Auch reprographischer Druck: Gerstenberg, Hildesheim 1977, ISBN 3-8067-0610-7).
 
 
 

Türkische Justiz

Ins Meer zum süßen Zeitvertreib,
Da fährt des Paschas Lieblingsweib. –
Es schwimmt auf lauer Düfte Flut
Ein Abend voller Farbenglut,
Wie ihn die Liebe gern durchdehnt,
Wie Ros' und Bülbül ihn ersehnt.
Die Sonne wälzt ihr sprühend Rad
Ins abendkühle Wogenbad
Und preßt den letzten Flammenkuß
Aufs feuchte Aug' des Bosporus.
Wie liegt sie reich und üppig da,
Die Kuppelstadt des Padischah,
Wie eine Braut voll Reiz und Scham,
Der man vom Aug' den Schleier nahm.
Es spiegelt sich auf ebner See
Der Silberhalbmond der Moschee,
Und zitternd auf dem Flutenbett
Wiegt Wimpel sich und Minarett. –
Gemächlich, wie ein sanfter Schwan,
Durchschwebt die Flut der bunte Kahn,
Wie am Gestad die Muschel schwimmt,
Darin die edle Perle glimmt.
Wie war sie schön vom Haar zum Fuß,
Die Rose aus dem Kaukasus!
Wie war ihr Auge blau und groß,
Ein unermess'ner Meeresschoß!
Wie war ihr Antlitz glanzbesonnt,
Ein ganzer Liebeshorizont,
So weiß und rot, so rot und weiß,
Wie Morgenrot auf Kasbecks Eis.
Ein Schwanenflaum der stolze Hals,
Ein Silberschaum des Wasserfalls,
Darauf die schwarze Locke lag,
Wie dunkle Nacht auf lichtem Tag.
Es floß der Kaftan himmelblau
Rings um den Antilopenbau,
Wie sich der Bätter wallend Kleid
Rings um den Wuchs der Palme reiht.
Sei war so voll und zart und schlank,
Ein fleischgewordner Saitenklang.
Ein Strahl aus Allahs Diadem,
Hell wie der Stern von Bethlehem.
Doch bei der Houri Mund an Mund,
Da sitzt ein junger Christenhund,
Die Rechte führt des Ruders Last,
Die Linke hält die Maid umfaßt.
So oft der Streich im Wasser rauscht,
So oft wird Kuß um Kuß getauscht.
So haben sie manch laut Nacht
Ins Meer die sel'ge Fahrt gemacht,
Indes der Pascha traumumnachtet
Nach seiner schönen Sklavin schmachtet. –
Es senkt die Nacht sich ernst und hehr,
Ein Riesenadler, übers Meer.
Und matter wird des Nachen Schuß
Und heißer wird des Franken Kuß,
Bis Land und Meer sich schwarz vermummen
Und Ruderschlag und Kuß verstummen. –

Und wieder taucht im Wellenlauf
Des Abends rosig Segel auf;
Er schüttelt aus den Falten frisch
Sein Rosenöl verschwenderisch.
Und wieder naht die süße Frist.
Am Ufer steht der junge Christ,
Die Arme zum Umschlingen fertig,
Die Seele heiß und lustgewärtig.
Es fliegt sein Puls, sein Atem kocht,
Sein Herz die Brandung überpocht,
Es ist ihm schwül und bang wie nie:
»Wo weilt sie denn, was zögert sie?!« –
Und horch, was plumpt so dumpf und schwer
Von jener Klippe in das Meer?
Es schlägt die Flut, als wär' es Blei,
Und horch, ein kurzer Weheschrei!
Es hält sich zappelnd auf den Wogen
Und schlägt im Wasser weite Bogen,
Aufschreit die See von beiden Seiten,
Das muß Entsetzliches bedeuten! –
Fest stemmt der Christ den Ruderschaft
Und stößt vom Sand mit Jugendkraft;
Der Nachen übern Spiegel schoß,
Als wie ein springend Perserroß,
Wild schäumt die Woge hier und drüben
Und scheint ihn wütend fortzuschieben.
Da schwimmt es noch, es sinkt, es sinkt!
Der Franke in die Wellen springt,
Er greift es mit entschloss'nem Pack,
Von Leder ist's ein schwerer Sack,
Den zieht er schaudernd in den Kahn
Und trennt ihn mit dem Yatagan.
Was er gesehn und was er fand,
Er hat es nimmermehr bekannt;
Im Ufersand zur selben Stund,
Da grub er ein den teuren Fund. –
Der Pascha ward nach wenig Wochen
Von eines Franken Dolch erstochen.

Gute Jagd

Schön Astrid saß im Grün und spann,
Da ritt des Weges ein Rittersmann.

Er ritt einen Hengst von schmuckem Bau,
Er trug einen Falken, der Falk war grau.

Und als schön Astrid das Aug' aufschlug,
Flink sprang der Herr von des Rosses Bug.

»Fahr hin, fahr hin nun, Falk und Jagd,
Und Gott zum Gruße, vielschöne Magd!«

Es warf sich der Held in das grüne Gras,
Schön Astrid schweigend zur Seite saß.

Sie saß und saß und spann und spann
Und sah ihn mit keinem Auge an.

»Bei Christi Blut und dem heiligen Gral,
Dein Auge leuchtet wie Mondesstrahl!

Und sähest du einmal her nach mir,
Mein bestes Roß, das gäb' ich dafür.

Und sprächest du nur ein Wort oder zwei,
Meinen Hund und Falken noch gäb' ich bei.

Und küßtest du mich auf den Mund sogleich,
Ich gäbe darum ein Königreich.«

»Du bist wohl ein schlanker Ritter gut,
Mit dem Reiherbusch und dem Jägerhut;

Mit dem grünen Mantel aus Gold und Samt,
Mit dem Schwert, das hell in der Sonne flammt;

Mit dem Federspiel und dem goldenen Sporn,
Mit Bogen und Pfeil und Silberhorn;

Du bist wohl ein Held, gar groß und hehr,
Doch geb' ich den Kuß dir nimmermehr.

Ich hab' es gelobt in banger Stund:
Dem König allein gehört mein Mund.

Und wird mir nimmer des Königs Kuß,
Eine bleiche Nonne ich werden muß.«

«Ha, laß die Sorge, vielschönes Kind,
Zum König trag' ich dich sturmgeschwind.

Und ist dem König der erste bestimmt,
Den zweiten Kuß sich der Ritter nimmt.«

Da hob er die Maid in den Sattel vorn
Und sprengte von dannen wie Wetterzorn.

Und als sie kamen zum Reihermoor,
Da hob der Jäger die Maid empor:

»Hoch auf, lieb Mägdlein, und horch und schau,
Wie die Falken segeln durchs Himmelblau!

Wie die Glöcklein klingeln, die Reiher ziehn,
Viel Ritter sprengen durchs Heidegrün!

Viel wackere Ritter in Grün und Gold, –
Wie des Hifthorns Hall durch die Berge rollt!

Wie der Reiher kreischt und der Falke krallt,
Wie Rosse jagen mit Sturmesgewalt!

Gib acht, lieb Mägdlein, und merke still,
Den König ich gleich dir nennen will:

Des Falke von allen am höchsten kreist,
Der ist der König, den küsse dreist!«

Und als ihm vom Auge die Kappe wich,
Der Falk, der dehnte sich mächtiglich.

Und als ihn vom Handschuh der Ritter zog,
Der Falk in den Lüften sich schaukelnd wog.

Und als er sich hob gen Himmel frei,
Die andern duckten am Boden scheu.

Und wie die Ritter den Falken erschaut,
Sie jagten daher mit Jubellaut.

Sie schwangen wohl freudig den Hut im Flug:
»Willkomm', Herr König, zum Reiherzug!«

»Und siehst du, mein Lieb, wer der König dein?
Dem sollst du den ersten Kuß verleihn.

Und wer dir gewiesen des Königs Mund,
Dem gibst du den zweiten Kuß zur Stund;

Und wirst noch heute zur Königin du,
Du gibst ihm gewiß den dritten dazu.«

Terzinen

1

Ich war entschlummert einst am Rasenbühle,
    Um mich des Lenzes würz'ges Duftgemische
Und in mir selbst des Lenzes duft'ge Kühle.

Da träumt' ich Liebesträume, zauberische,
    Und Heldenträume, stolz und ungeheuer,
Und Freiheitsträume, mut'ge, jugendfrische.

Doch als verglomm des Morgens Purpurfeuer,
    Da war verstummt das buhlerische Kosen,
Der Winter war genaht, der Flockenstreuer.

Und um mein Haupt im Windeswirbeltosen
    Flog sparsam nur das Schneegelock des Greisen;
Ich war verwelkt, wie Lenz und Baum und Rosen,

Ein matter Nachhall schöner Frühlingsweisen.

 

2

Wenn ich mir so das Tun der Welt betrachte,
    Das fad und geistlos ist und kalt und trocken,
Das ich so ganz aus tiefster Brust verachte,

Und schaue dann auf deine Feenglocken,
    Auf deiner Wangen, deiner Augen Gluten,
Und höre hallen deines Mundes Glocken:

Dann ist die Welt ein Ozean voll Fluten,
    Voll Stürmen mir und bodenlosen Grüften
Und Klippen, dran mein Herz sich will verbluten;

Du aber scheinst ein reines Ätherdüften,
    Das säuselnd hinschwebt durch des Morgens Brüllen,
Das rosenatmend rollt auf Morgenlüften,

Des kranken Dichters schäumend Blut zu stillen.

 

3

Wohl stand ich oft im nächtlich stummen Grauen
Dem Glanze deines Fensters gegenüber,
Dich lang und ungesehen anzuschauen.

Es bog die Kerze ihren Strahl herüber,
Um dir, wie ich, ins dunkle Aug' zu funkeln;
Doch plötzlich schien sie lässiger und trüber.

Es mochte wohl der argen Kerze munkeln,
Daß ich zum Nebenbuhler ihr geworden,
Drum fing sie neidisch an sich zu verdunkeln.

Du aber saßest an des Fensters Borden
Und schautest nicht auf mich, nein, auf die Flammen,
Die leise bebten in des Winds Akkorden.

Da warfst du endlich all mein Glück zusammen
Mit einem Hauche deines stolzen Mundes,
Daß Aug' und Kerze rasch in Nacht verschwammen.

Ich preßte wild mein Herz, mein liebewundes,
Im bittern Grolle auf das Glück der Kerze,
Die längst mit dir sich freut des Liebesbundes.

Sie leuchtet stets in deines Auges Schwärze
Und buhlt mit deiner Stirn und deinen Wangen,
Indes ich fern von dir vergeh' im Schmerze.

Allein von deinem Mund den Tod empfangen
Und zu verwehn in deines Atems Wogen,
Wie es der Kerze jene Nacht ergangen:

Hätt' ich vom Schicksal solch ein Los gezogen,
Ich wollte, ach! nur leben eine Stunde
Und sterben dann, im süßen Hauch verflogen,

Der Kerze gleich in jener Abendstunde.

Wie der Junkherr Ebbelin die Nürnberger foppen tät

Ich weiß eine Märe, gut und kühn,
    Von keckem Ritterwerk:
Es fingen den Junkherrn Ebbelin
    Die Herren von Nürnberg.

Sie fingen ihn mit Hinterlist,
    Sie schnürten ihm Hand und Fuß:
»Nun haben wir dich, du schlimmer Christ,
    Der Galgen dir werden muß.«

Und jeder Ritter von Wag' und Ell',
    Der machte ein stolz Geschrei,
Und jeder Schuster- und Schneidergesell,
    Der hatte sein Wort dabei.

Fünf Schneider schleppten des Ritters Speer
    Wie Goliaths Weberbaum,
Sie keuchten gewaltig und schwitzten sehr
    Und brachten ihn vorwärts kaum.

Die Sporen ein tapferer Fleischer hob,
    Zwei Schreiner den Helm zugleich,
Und wenn der Helmbusch im Winde stob,
    Da wurden sie blaß und bleich.

Und zwischen Mauer, Graben und Tor,
    Da wollten sie hängen ihn;
Da sprach zu dem mannlichen Bürgerchor
    Der Junkherr Ebbelin:

»Ihr Herrn, nehmt mir das Wort nicht krumm!
    Es sei meine letzte Bitt':
Laßt reiten mich im Zwinger herum
    Meinen allerletzten Ritt.

Rundum ist Schanze, Tor und Schloß;
    Ich kann euch nicht entgehn.
Laßt mich mein Roß, mein tapfres Roß,
    Zum letztenmale sehn.«

Es brachten das Roß Gesellen vier,
    Den Junkherrn banden sie los;
Wie schwang sich auf das schlanke Tier
    Der Degen, kühn und groß!

Und wie er es trieb mit Hieb und Ruf,
    Mit Zunge, Schenkel und Hand,
Da flogen ringsum von des Renners Huf
    Die Männlein in den Sand.

Wild stampfte der Hengst und tanzte keck,
    Zum Graben sprengt' er herum;
Die Herren befiel ein grimmer Schreck,
    Sie standen betäubt und dumm.

Und über Graben, Schanz' und Wall
    Hin sprang er wild und toll,
Indes herüber mit Donnerschall
    Des Ritters Gelächter scholl:

»Eh' zwängt der Maulwurf in sein Loch
    Den Adler stolz beschwingt,
Eh' Krämerwitz und Krämerjoch
    Den Ritternacken zwingt.«

So rief der freudige Rittersmann
    Und wandte den wilden Gaul,
Die Herren sahen einander an
    Und machten ein großes Maul.

Wohl oftmals schon mir's widerfuhr,
    Wenn ich zu sehr getollt,
Daß Philistertum und Philisternatur
    Mich fangen und hängen gewollt.

Da sprang ich auf mein schnelles Roß,
    Aufs Roß der Phantasie,
Sein Huf zerschmetterte Tor und Schloß,
    Die guten fingen mich nie.

Hei, Lumpengesindel, gib mir Platz,
    Hinüber mein Roß, hinaus!
Hei, Schenkeldruck und Sprung und Satz,
    Ade, Philisterhaus!

Eh' zwängt der Maulwurf in sein Loch
    Den Adler, stolz beschwingt,
Eh' Philisterwitz und Philisterjoch
    Den Dichternacken zwingt.

Gepanzerte Sonette

1

Bist, Mann, geformt du aus so weichen Massen,
Daß dir die Schwertwucht lähmt die Weiberarme?
Kannst du nicht stehn im dichten Waffenschwarme,
Wenn Gott des Kampfes Wetter losgelassen?

Ha! nimmer soll dein Angesicht erblassen,
Gibt Worte kühn des freien Herzens Harme,
Den Worten Schwertesstreiche, zorneswarme,
Wenn Schmach und Unrecht krallend dich umfassen.

Denn nicht allein auf blut'gem Schlachtenfelde
Ziemt's kühn zu wallen durch des Streites Nächte,
Nein, auch die Harfe mag zum Schwerte werden;

Denn daß den Klang des Heldenschwerts er melde,
Im edlen Streit mit Waffenliedern fechte –
Das ist die Pflicht des Sängers auf der Erden.

 

2

Im Fluggewimmel meiner Traumgedanken,
Wenn ich geforscht im Ruhm von alten Tagen,
Hab' ich gesehnt mich, Helm und Schwert zu tragen,
Ein Ritter frei im Schlachtenwogenschwanken.

Aus dem Geschlecht, dem kraftlos feigen, kranken,
Möcht' ich mich heben stolz mit keckem Wagen,
Dann möcht' ich hell die Ritterharfe schlagen,
Wenn nicht die Fesseln mehr den Geist umranken.

Alltäglichkeit, du Pest der freien Klarheit,
Die du erschlaffst die Nerven des Gesanges,
Die du erlähmst die Geisteskraft, die hohe,

Dich brechen möcht' ich und zur Sternenwahrheit
Aufschwingen mich im Braus des Sphärenklanges,
Denn in Gemeinheit stirbt des Helden Lohe.

 

3

Es schläft im Busen, in dem deutschen, treuen,
Das Wort der Wahrheit, das noch immer bebte;
Was in der Brust in kühner Wahrheit lebte,
Das sollst du mutig in die Lüfte streuen.

Und edel, mächtig, mit dem Zorn des Leuen
Soll es zerreißen, was die Falschheit webte;
Ob Meer und Erde wild dawider strebte,
Soll's selbst das Donnerwort der Macht nicht scheuen.

Frei brüllt das Tier sein Zornesheulen grimmig,
Der Mann soll reden, wie's der Geist geboten,
Nicht flüstern, wenn im edlen Zorn er siedet.

Und ob der Falschheit Zungen tausendstimmig
Mit Tod und Ketten mächtig ihn bedrohten,
Der Wahrheit ward von Gott kein Band geschmiedet.

 

4

Schämst du dich, Deutscher, deines Vaterlandes,
Der mark'gen Heimat alter Heldensiege,
Daß du als Stelle deiner Säuglingswiege
Den Teil nur nennst des innigen Verbandes?

Sei's auf dem Stein des Ostseeklippenstrandes,
Sei's wo du schlürfst des Rheinweins Nektarzüge,
Der einz'ge Namen tut dir stolz Genüge
Vom Meere bis zum Schnee des Alpenrandes.

Denn von dem Leib von unerreichtem Ruhme
Sollst du ein Glied nicht räubrisch einzeln brauchen,
Sonst machst du ihn zum Stumpf, zum säftelosen.

Drum blühe fort, du deutsche Heldenblume,
Mild angeweht von deutscher Lieder Hauchen,
Die schönste von des Länderkranzes Rosen.

Das Lied vom falschen Grafen

Ich bring' euch wieder ein altes Lied
    Von schwerem Liebesleid:
Es liebte der Däne Walafried
    Eine Norwegs-Fischermaid;
Am Kreidegeklipp, wo sich bäumt die Flut
    In schäumender Ungeduld,
Da küßt' es sie oft mit falschem Mut
    Und schwur ihr ewige Huld.

Er schwur bei seines Schwertes Griff,
    Bei seines Mantels Kreuz,
Bei dem Sturm, der die heulende See durchpfiff,
    Bei der Dirne eigenem Reiz.
Er schwur ihr bei dem heiligen Meer,
    Bei seines Vaters Bart,
Bei Rittertreu und Ritterehr'
    Nach falscher Ritter Art:

»Eh schlinge mich ein der Woge Wut,
    Eh meine Treu zertaut!«
Es hörte den Schwur die Meeresflut,
    Sie brüllte wild und laut.
Der Fant die Maid in die Arme schloß,
    Fort ritt er mit leichtem Sinn,
Er ritt hinan auf das Felsenschloß
    Zu der jungen Königin.

Es ruhe mein Lied an dieser Stell',
    Die doch ein jeder weiß.
Der Markgraf war ein junger Gesell,
    Der König war ein Greis! –
»Auf der hohen See in den Wind hinaus,
    Da liegt mein Schiff zur Wacht;
In Jütland in meines Vaters Haus,
    Da schlafen wir morgen nacht!«

Es senkt auf die Wasser König Schlaf
    Sein Szepter schwer und matt,
Mit der Fürstin fährt der Dänengraf
    In das brausende Kattegatt.
Eine Fischerdirn' mit braunem Gesicht,
    Die rudert den Kahn mit Macht;
Der falsche Ritter kennt sie nicht,
    Zu finster ist die Nacht.

Sie sieht nicht auf ihn, nicht auf die Dam',
    Sie rudert für und für,
Sie stiert mit Blicken wundersam
    Auf das Kreidegeklipp vor ihr.
Und näher rückt die Felsengestalt,
    Wie ein Norwegs-Gletschergeist;
Des Dänen Arm mit süßer Gewalt
    Sein königlich Lieb umkreist:

»Sei ruhig, mein Lieb, dort liegt mein Schiff,
    Sei ruhig, bald ist's getan!«
Und näher kam das Felsenriff,
    Und rascher schoß der Kahn.
Zwei Ruderschläge mit wilder Eil',
    Die tat die braune Dirn',
Da stürmte der Nachen wie ein Pfeil
    Nach der weißen Felsenstirn.

»Eh schlinge mich ein der Woge Wut,
    Eh meine Treue zertaut!«
Es hörte den Schwur die rächende Flut,
    Sie brüllte höhnisch laut.
Ein Ruderschlag, und es borst der Kahn
    Mit wildem Gekrach entzwei. –
Die Woge, sie zog die alte Bahn,
    Und drunter lagen die drei!

Ohnmächtige Träume

Könnt' ich mein innres Feuer dämpfen
    Mit Strömen von dem eignen Blut,
Könnt' ich dich ritterlich erkämpfen,
    Dann wäre frei und hoch mein Mut.
Wie wollt' ich dann den Nacken heben
    Und rufen stolz und trotziglich:
»Jetzt bist du mein, geliebtes Leben,
    Mein, denn ich blutete für dich!«

Ich schweife durch die öde Halle,
    Dumpf an der Wölbung rauscht mein Tritt;
So steigt herauf, ihr Geister alle,
    Und eure Schwerter bringt euch mit;
Zersprengt die Särge, brecht die Quadern
    Und tretet vor mich wild und stark;
Schon kocht die Schlacht in meinen Adern,
    Und auch in mir ist Streitermark!

Da seid ihr schon, mit wilder Flamme
    Sticht durchs Visier das Auge klar,
Vom goldbekrönten Helmeskamme,
    Da rauscht des Adlers Schwingenpaar;
Es strahlt der Leib in Silberschuppen,
    Vom Sporn zur Schulter geht das Schwert,
Gold prahlt und Scharlach auf den Croupen,
    Die blanke Stange beißt das Pferd.

Schwingt euch hinan, entrollt die Banner,
    Erhebt den Feldruf, stoßt ins Horn!
Ihr Leichtbewehrten, Bogenspanner,
    Schwärmt lustig an der Spitze vorn!
Ballt, Reiterfähnlein, euch zusammen,
    Schließt Schild an Schild und Speer an Speer,
Laßt Panzer dicht an Panzer flammen
    Und sprengt, ein eh'rner Keil, daher!

Darauf und dran! Die Schäfte splittern,
    Dumpf durch das Treffen kracht der Stoß.
Nun zieht das Schwert und laßt's gewittern,
    Und auf die Helme hämmern los!
Hier wälzt sich zuckend Roß und Reiter,
    Hier steigt ein Arm, die Schiene klafft,
Eindringt das Schwert und schlitzt sie weiter
    Und sprudelnd quillt der Lebenssaft.

Hier haut die Axt vom Panzer Späne,
    Hier küßt ein Federbusch den Sand,
Hier sinkt ein Haupt betäubt zur Mähne
    Und von den Zügeln läßt die Hand.
Hier fährt ein Pfeil durch Helmesgitter,
    Hier rasselt kunstrecht Hieb in Hieb,
Hier unterm Hufe stirbt ein Ritter,
    Sein letzter Seufzer ist sein Lieb. –

Ha! Schwerterleuchten! Helmbuschwehen,
    Ha! Kampfesnacht und Siegestag,
Ich darf euch nur im Traume sehn,
    Wie stark ich euch beschwören mag!
Ihr spottet mein, ihr toten Hünen,
    Toll nennt mich die vernünft'ge Welt;
Kein Ritterschlag ist zu verdienen,
    Da, wo zum Ritter schlägt das Geld. –

Du aber, Herrin, lächelst wieder:
    »Ich bin ja dein auch ohne Streit!«
Das eben ist's, das schlägt mich nieder
    Und hebt mich doch zur selben Zeit.
Nichts ist, des ich mich nicht erkühnte,
    Und wär's ein sichrer Tod für mich;
Weil ich dich gerne ganz verdiente,
    Deswegen stürb' ich gern für dich.

Helges Treue

König Helge fiel im heißen Streit
Und mit ihm fiel die geliebte Maid,
      Sie fiel, was mochte sie leben?
König Helge, der Held, und die Maid Sigrun,
Sie mußte zu zwei im Hügel ruhn,
      Sein Hengst, der ruhte daneben.

Allvater saß auf Idas Feld:
»Es kommt fürwahr ein gewaltiger Held
      Noch heut von der Erde herüber;
Es heult mein Wolf und frißt nicht mehr,
Und Gjallars Brücke donnert sehr,
      Als ritt' ich selber darüber.«

König Helge trat in Odins Palast
In schwarzem Stahl, ein finstrer Gast,
      Durch die Helden schritt er stumm.
Er schritt hindurch ohne Gruß und Dank
Und setzte sich auf die letzte Bank
      Und sah sich gar nicht um.

Aufsprangen die Helden zu Spiel und Kampf,
Ha! Schildeskrachen und Hufgestampf,
      Wie wogt' es stählern und dicht!
König Helge saß, ihm scholl kein Horn,
Ihm sauste kein Speer, ihm klirrte kein Sporn,
      König Helge, der focht nicht.

»Wohl ist er hehr, Allvaters Saal,
Der Boden von Gold, das Dach von Stahl,
      Und silbern fließt die Luft.
Doch wäre der Himmel noch einmal so licht,
Den ganzen Himmel möcht' ich nicht
      Für Sigruns enge Gruft!«

Her trat mit Augen veilchenblau
Die schanenbusigste Schildjungfrau,
      Wie leuchtete ihr Gesicht!
Sie hielt das Hirn, sie trank ihm zu:
»Mein schlanker Held, nun trinke du!«
      König Helge, der trank nicht.

»Und liebten mich hundert Jungfrauen heiß,
Wie die Hirschkuh schlank, wie das Schneehuhn weiß,
      Ich höbe mein Auge kaum.
Du nimm dein Horn und laß mich nur,
Bist nicht halb so schön als Sigrunur,
      Bei Sigrun ist mein Traum!«

So sitzt er da und trotzt und schweigt,
Bis die Mitternacht niederblickt schwarzgeäugt,
      Dann ist frei der Geister Tun.
Dann flammt sein Aug' und rauscht sein Schwert,
Dann gürtet er sein goldrot Pferd,
      Dann geht es zu Sigrun.

Wie wild der Reiter, wie wild der Ritt,
Wie klangvoll hämmert des Hengstes Tritt,
      Es geht ja zu Sigrun!
Die Luft zerrinnt und die Erde birst,
Wenn niederreitet der Nordlandsfürst,
      Um bei Sigrun zu ruhn.

Wenn der Morgenwind kühlet des Rosses Schweiß,
Dann reitet er heim, er reitet's nicht heiß,
      Sein Ritt wie traurig und sacht!
Er reitet schweigend durch Wallhalls Tor
Und setzt sich nieder wie zuvor
      Und harrt auf Mitternacht.

Rolf Düring

König Erich sprach mit schwerem Sinn:
»Meine Tochter ist weg, ich weiß nicht, wohin?
Ich möchte sie suchen und weiß nicht, wie?«
Rolf Düring sprach: »Ich suche sie!«
        Gar mannhaft sprach Rolf Düring.

Rolf Düring sprang ins Boot zur Stund
Und ruderte über den Öresund.
Es pfiff der Fant manch lustigen Reim,
So fuhr Rolf Düring gen Riesenheim,
        Gar freudig fuhr Rolf Düring.

Und als er kam vor des Riesen Tor,
Rolf Düring ritt die Stufen empor;
Wohl lag auf den Stufen manch bleichend Gebein,
Rolf Düring pfiff und sprengte hinein,
        Nicht bange war Rolf Düring.

Und als er kam vor des Riesen Schwell',
Da stand im Saale ein langer Gesell,
Er stand und ragte als wie ein Haus,
Rolf Düring sah wie ein Zaunkönig aus,
        Was kümmerte das Rolf Düring?

Rolf Düring setzte die Sporen ein:
»Herr Riese, du mußt verloren sein!«
Der Riese lachte bei jedem Stich,
Das war Rolf Düring sehr ärgerlich,
        Gar zornig ward Rolf Düring.

»Und wärest du länger denn ein Mast,
Zu Boden mußt du, grober Gast!«
Anprallte der Ritter im vollen Galopp,
Da fiel der Riese, das war ihm zu grob!
        Und auf ihn sprang Rolf Düring:

»Heraus die Prinzessin im Augenblick!
Sonst schneid' ich dir ab dein zottig Genick!«
Er stach drei Zoll tief oder mehr,
Da schrie der Riese: »Ich strecke die Wehr!«
        Zu heftig stach Rolf Düring.

Rolf Düring zog; stolz war sein Zug,
Er hielt die Prinzessin im Sattelbug,
Vorn stapste der Riese und zagte sehr,
Ihm saß im Nacken Rolf Dürings Speer;
        Zu Meere zog Rolf Düring.

Rolf Düring schrie mit Ungestüm:
»Nun trag uns hinüber, du Ungetüm,
Auf den rechten Arm mich und mein Fräulein wert
Und auf den linken nimm mein Pferd!«
        Gar dräuend schrie Rolf Düring.

Der Riese hob das rechte Bein
Und stiefelte in den Sund hinein,
Er hätte sich gerne geschüttelt, der Wicht,
Allein er tat es lieber nicht,
        Er forchte sich vor Rolf Düring. –

In Leires Burg tanzt Herr und Gesind,
Da freit Rolf Düring des Königs Kind,
Und wenn es wahr ist, was sie sagen,
So mußte der Riese ins Bett sie tragen,
        Ins Brautbett zu Rolf Düring.