Literatur, Kunst und Kultur

100-jähriges Bestehen

Im Jahre 2003 hat der Familienverband der Grafen und Freiherren von Strachwitz sein 100-jähriges Bestehen gefeiert.

Literatur, Kunst und Kultur

Hoch und tief

Wie hab' ich sonst so frisch gesungen
    In jungem Stolz und junger Kraft,
Wie ward mein Herz emporgeschwungen
    Vom Wirbel kühner Leidenschaft!

Wie war mein Herz emporgerichtet,
    Wie trat mein Fuß so federleicht,
Wie war die Wange glutgelichtet,
    Wie war das Aug' begeistrungsfeucht!

Und kam der Schmerz, er zwang mich nimmer,
    Und schwoll die Woge noch so nah,
Die Jugend gab dem freud'gen Schwimmer
    Den Schleier der Leukothea. –

Nun ich des Höchsten mich vermessen
    In meinem Glück und meinem Mut,
Hat schweigend über mir indessen
    Des Schmerzes Donnerkeil geruht.

Wie hat er meinen Traum zerschmettert
    In seinem goldensten Gedeihn,
Wie hat er schonungslos entgöttert
    Den Himmel meiner Phantasein!

Sie durften mich von dir verbannen,
    Sie sperrten mir zu dir die Bahn,
Sie lassen mich nicht mehr von dannen,
    Sie geben mir nicht Roß nicht Kahn.

Und nun im allerschwersten Leide
    Gesteht es das besiegte Herz:
Die höchsten Lieder singt die Freude,
    Allein die tiefsten singt der Schmerz.

Ständchen

Mein Liebchen, komm, uns Beiden
    Ist wohl, wenn der Abend scheint.
Es hat der Tag beim Scheiden
    Sein Auge rot geweint.
Die allertiefste Bläue
    Umduftet den Bergeswall,
Und wie in süßer Scheue
    Murmelt der Wasserfall.

Lautlos die Flügel regend
    Hinschwimmt des Windes Flug,
Das ist der entschlafenden Gegend
    Duftflutender Atemzug.
Er macht die Welle nicht schüttern,
    Er streicht ihr Haar nur glatt;
Er läßt die Blätter nicht zittern,
    Er küßt nur jedes Blatt.

Die Blumen traumhaft schwanken
    Und atmen wollustschwer,
Es flattern Märchengedanken
    Um ihre Häupter her.
Der Baum mit allen Zweigen
    Zum Himmel blickt er stät,
Er spricht in seligem Schweigen
    In sich sein Nachtgebet.

Mein Liebchen, komm, das Glutmeer
    Ist hinter die Berge gerollt
Und wirft noch über die Flut her
    Sein letztes Streifchen Gold;
Mein Liebchen, komm, es nachtet,
    Tau schlürfen die Rosen fromm,
Mein Mund nur dürstet und schmachtet,
    Mein Liebchen, komm, o komm!

Ein Faustschlag

König Helge war ein alter Held,
Der hatte sein Schwert zur Ruhe gestellt.

Den Panzer er in die Halle hing,
Der Spinne Geweb den Helm umfing.

Sein schwarzes Schiff die Bucht umschloß,
Auf der Weide trabte sein weißes Roß.

Er waltete gut und herrschte gerecht,
Wog strenges Maß für Fürst und Knecht.

Das frommte Landen und Leuten baß,
Auf Norwegs Felsen wuchs Korn und Gras.

Den Pflug hinschleppte des Stieres Mut,
Der Kaufmann pflügte die blaue Flut.

Aufstiegen Städte aus wüstem Moor,
Und Freya herrschte für Aukathor.

Der Bauer, der lebte frei und froh,
Das wollten die trotzigen Jarls nicht so.

Sie ritten zu Hauf, wohl dreißig und mehr,
In des Königs Halle: da traten sie her;

Da traten sie her in Erz und Stahl,
Vom Sporenklange dröhnte der Saal.

Jarl Irold vor den König schritt,
Hoch war sein Helmbusch und keck sein Tritt.

Sein Schwert an den Boden er rasselnd stieß,
Sein Wort er zornig erschallen ließ:

»Wir wollen nicht sitzen und Spindeln drehn,
Mit dem Normannenschwert nicht Hafer mähn.

Wir wollen furchen, wie Harald tat,
Mit dem schwarzen Segler den feuchten Pfad.

Wir wollen tragen, wie Rollo trug,
Auf Südlands Acker den Nordlandspflug.

Wir sind des Königs müd und satt,
Der immer das Schwert in der Scheide hat.

Wir sind des Königs satt und müd,
Der Unkraut jätet und Rüben zieht.

Und wer will zähmen des Normanns Blut,
Der halte das Schwert und halt' es gut!«

Jarl Irold sprach's; der König schwieg,
Auf der Stirn ihm grimmig die Ader stieg;

Aus den Augen fuhr's ihm wie Blitz und Flamm',
Die Brust ward voll, die Faust ward stramm.

Aus dem Sessel sprang er, der krachend brach;
Wie dumpfer Donner er also sprach:

»Mein Aug' ist trüb, mein Haupt ist kahl,
Am Nagel rostet mein guter Stahl.

Und tragt nach dem Schwert ihr so heißen Trieb,
So nehmt für heut mit der Faust vorlieb!«

Der König sprach es und macht' es kurz:
Er hieb den Jarl auf den Helmessturz.

Er hieb einen Streich, einen Heldenstreich,
Daß Helm und Schädel zerbarst sogleich.

Einkrachte vom Hiebe Schlaf und Stirn,
Aufspritzte vom Hiebe Blut und Hirn.

Auf den hallenden Boden der Jarl sank hin;
Da brach auch den andern der trotzige Sinn.

Sie warfen aufs Knie sich Mann an Mann,
Wollt' keiner proben die Faust fortan.

Streitlust

        Mein Herz erwacht,
        Es schlägt mit Macht,
Mein Arm ist fest und sehnig;
    Die Liebesfehde, die Harfenschlacht,
Sie sind mir viel zu wenig;
        Ich habe gezecht
        Im Bechergefecht,
Mag nicht mehr schwärmen und zechen;
    Und wenn ihr Flaschenhälse zerbrecht,
Möcht' ich andere Hälse brechen.

        Aus des Mädchens Schoß,
        Da ringt auch los,
Und zerdrücket die letzte Träne;
    Der Schlachtenjubel, das Schlachtengetos,
Das ist es, was ich ersehne;
        Von dem Rosenpfühl
        In das Speergewühl
Ein Jeder gepanzert springe;
    Zerreißt das tönende Saitenspiel
Und ergreift die pfeifende Klinge!

        Ans Schwert die Hand!
        An der steinernen Wand
Zerschmettert die klirrenden Humpen!
    Zum Kampf die Paniere ausspannt!
Zum Kampf mit Schelmen und Lumpen!
        An das Streitroß fest
        Den Schenkel gepreßt,
In die Flanke gehauen die Sporen!
    Und wer den Zügel nicht schießen läßt,
Der habe das Rennen verloren!

Prolog zu »Neue Gedichte«

Fünf Jahre sind's; ein zwanzigjähr'ger Dichter,
Sang ich hinaus mein jugendlichstes Zürnen;
Es war ein Büchlein, ihr gestrengen Richter,
Wie's keimend schießt aus gährenden Gehirnen.
Ihr kostetet und schnittet wohl Gesichter,
Denn gar zu unreif waren jene Birnen,
Doch schien euch manche süß und keine faulig,
Nur manchem war der »Graf« zu schwer verdaulich.

»Mir ist auf Erden wenig quer gegangen,«
So sang ich damals! kindisches Bezeigen! –
Wenn prahlerisch des Glückes Zinnen prangen,
Dann kommt der Sturm, sie in den Staub zu neigen.
So ward verhöhnt mein loderndes Verlangen,
Gestürmt mein Himmel, der da hing voll Geigen.
Und von der ganzen Saat aus jener Sphäre
Ist dieses Buch die einz'ge volle Ähre.

Doch fürchtet nichts! Es ist kein Buch der Tränen,
Nicht jedes Herz ist gar so leicht zerrissen;
Wenn andre weinen, knirsch ich mit den Zähnen
Und habe so mein schärfstes Weh verbissen.
Was braucht die Welt bei meinem Schmerz zu gähnen?
Was braucht die Welt von jedem Schmerz zu wissen?
Nur Weiber heulen vor gesamtem Volke,
Die heitre Kunst ist keine Tränenwolke!

Ich fasse gern mit einem kühnen Griffe
Ein ernstes Heldenbild vergangner Tage;
Es kennt mein Lied viel perlenreiche Riffe
Um unerschöpften Meeresgrund der Sage;
Ins starke Nordland führt es euch zu Schiffe,
Damit es euch uralte Schlachten schlage;
In eueres Himmels jammervoller Leere,
Da zeigt es euch den Stern gewes'ner Ehre.

Frei blaut auch mir des Geistes kühnste Ferne,
Doch hab' ich nicht verlernt vor Gott zu beten.
Von Frauenliebe sing' ich gar zu gerne,
Drum hab' ich nie mit Füßen sie getreten.
So kann ich nicht wie eure jüngsten Sterne,
Die Zwitter von Roué und vom Propheten,
Den höchsten Gott und dann mein Lieb bewitzeln,
Ich mag euch nicht mit solchem Schmutze kitzeln.

So ist mein Lied. O, daß es euch erbaue,
Mag es vielleicht ein Freundesherz erschüttern,
Mag es zu dir, du allerschönste Fraue,
Als des Verbannten tönend Heimweh zittern! –
Mein Vaterland, dem bald der Himmel blaue,
O lächle mir aus ringenden Gewittern!
Mein Vaterland, das Männerworte richtet,
O richte du: Der Mann hat Deutsch gedichtet! –

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Moritz Karl Wilhelm Graf Strachwitz, Lithographie von Josef Kriehuber, 1841

Moritz Karl Wilhelm Graf von Strachwitz (* 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien) war ein bekannter Balladendichter, der im Tunnel über der Spree ein Vorbild für Theodor Fontanes Balladendichtungen war.

 

 

Leben

Er entstammte einer schlesischen Adelsfamilie, studierte Jura in Breslau und Berlin. Seit 1845 war er Mitglied des Corps Silesia Breslau. Nach dem Studium leistete er sein Referendariat beim Kreisgericht Grottkau ab. Danach ging er auf Reisen nach Schweden, Norwegen und Dänemark. Daraufhin kehrte er zunächst auf sein Gut Peterwitz zurück, siedelte dann aber auf sein mährisches Gut Schebetau über. Auf einer Italienreise erkrankte er in Venedig und starb kurz vor seiner Rückkehr in Wien.
Viele seiner Gedichte wurden vertont, unter anderem von Robert Schumann, Carl Loewe und Johannes Brahms. Besonders bekannt waren unter anderem „Das Lied vom falschen Grafen“ und „Hie Welf!“.
Von seinem Zeitgenossen Ludwig Fränkel wurde er in der „Allgemeinen deutschen Biographie“ wie folgt charakterisiert: „In dem aufreibenden Leben der Großstädte hatte sich seiner eine gewisse Unruhe bemächtigt, […] nie wieder kam er zur rechten Ruhe, zur Freude am Leben, zur Befriedigung mit seinem Schaffen und sich selbst, zur Erkenntnis seines Berufes“ und „Er war eine kühne, in den demoralisierenden Wandelgängen der großen Welt naiv gebliebene Natur.“
Sein bekanntestes Gedicht ist „Das Herz von Douglas“, aus dem noch gelegentlich zitiert wird:

Sie ritten vierzig Meilen fast
und sprachen Worte nicht vier

und:

kurz ist die schottische Geduld
und lang ein schottisch Schwert!

 

Werke

  • Lieder eines Erwachenden, 1842
  • Neue Gedichte, 1848 (Gedichte aus dem Nachlass) (GBS)
  • Gedichte, Breslau 1850 (Gesamtausgabe)

 

Literatur

  • Ludwig Julius Fränkel: Strachwitz, Moritz Graf von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 36, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 480–483.
  • Gertrud Fischer: Der Verfall des Gehalts der heldischen Ballade von Strachwitz und Fontane bis zu den Epigonen (1840–1880). München 1956 (München, Univ., Diss. phil.).
  • Hanns Gottschalk: Strachwitz und die Entwicklung der heldischen Ballade. Triltsch, Würzburg 1940 (Zugleich: Breslau, Univ., Diss. phil., 1940).
  • Alwin Kurt Theodor Tielo (d. i.: Kurt Mickoleit): Die Dichtung des Grafen Moritz von Strachwitz. Duncker, Berlin 1902 (Forschungen zur neueren Litteraturgeschichte 20), (Auch reprographischer Druck: Gerstenberg, Hildesheim 1977, ISBN 3-8067-0610-7).