Literatur, Kunst und Kultur

100-jähriges Bestehen

Im Jahre 2003 hat der Familienverband der Grafen und Freiherren von Strachwitz sein 100-jähriges Bestehen gefeiert.

Literatur, Kunst und Kultur

Der Himmel ist blau

Der Himmel ist blau! Den grünen Pokal
    Mit rinnendem Golde befeuchtet!
Wer trinkt nicht gern, wenn der Sonnenstrahl
    In Rheinweinperlen leuchtet! –
Zerschmettre den Römer an der Wand,
    Mit Tränen die Lippen wasche,
Und traure um dein Vaterland
    In Asche, in Asche!

Der Himmel ist blau! Wir sind noch jung,
    Viel Lieder verborgen fluten;
Wer läßt nicht gern die Begeisterung
    In klingender Woge bluten! –
Laß weinen die Harfe unter der Hand
    Ein Grablied, törichter Knabe,
Sie schleppen indes dein Vaterland
    Zu Grabe, zu Grabe!

Der Himmel ist blau! Holdselige Frau,
    Gepriesen sei dein Name!
Wer küßt nicht gerne den Wonnetau
    Vom Auge seiner Dame! –
Aus dem Herzen schneide den süßen Tand,
    Der Minne wende den Rücken,
Sie reißen indes dein Vaterland
    Zu Stücken, zu Stücken!

Der Himmel ist blau! Die Jagd ist laut,
    Ha, fürstliche Freude der Männer!
Wer reitet nicht gerne durchs Heidekraut
    Den lang sich streckenden Renner! –
Laß fallen die Zügel aus der Hand,
    Von der Ferse schlage die Sporen,
Es geht indessen dein Vaterland
    Verloren, verloren! –

Der Himmel ist blau! Er fällt nicht ein
    Vom Sturme irdischer Schmerzen,
Es hungert das Volk, und die Bösen schrein
    Den Aufruhr ihm in die Herzen! –
Da ist kein Glaubens-, kein Liebesband,
    Sie reißen's mit frechen Händen;
Wie soll, o Herr, mit dem Vaterland
    Das enden, das enden?

Prolog zu »Lieder eines Erwachenden«


Ha! Nordlandsluft und Nordlandswind!
    O Lust verwehter Tage!
Wie hab' ich dich einst so heiß geminnt,
    Vollbusige Nordlandssage!
Du rittest mit mir auf Odins Tier,
    Acht Hufe hatte der Renner.
Du saßest in Walhall neben mir
    Und schenktest den Met der Männer.

Ich hört' als Fei mit dem Wasserfall
    Dich tote Helden bejammern,
Und sah dich als Alf in des Berges Hall'
    An glühendem Golde hammern.
Du fuhrest mit mir über'n Maalstrom,
    Es dampften des Strudels Mäuler,
Du webtest in Trondhjems schwarzem Dom
    Als Dämmerung um die Pfeiler.

Ich sah dich über die schlafende See
    Als Schwanenjungfrau schwimmen,
Und sah dich über den Gletscherschnee
    Als Nordlicht zackig glimmen.
Ich sah dich über die Heide der Schlacht
    Als Adler schweigend schweben,
Und sah dich in dem Auge der Nacht
    Als Witwenträne beben.

Du botest mir deine Wange rot,
    Du schlanke, hohe, frische,
Und brachest mir dann das Haferbrot
    An des Normanns rauhem Tische.
Ich sah dich den Busen der Nordlandsdirn
    Als Freias Schmuck umkreisen,
Du klangest um jede Normannsstirn
    Als Helm aus Wielands Eisen.

Ich sende dir diesen Kuß nach Nord,
    Er brennt wie Islands Feuer,
Aufjauchzend springt dies Lied an Bord
    Und wendet zu dir sein Steuer.
Mag sich's mir dir auf Nordlands Riff
    Als klagende Tanne wiegen
Und mag's mit dir als Geisterschiff
    Durch Nordlands Meere fliegen!

Der gefangene Admiral


Sind heute dreiunddreißig Jahr,
    Seit ich kein Segel sah,
Es steht der Turm unwandelbar,
    Die Kett' ist ewig da.
Sie haben gemauert den Delphin
    In lichtlos Felsgestein
Und unerreichbar über ihn
    Ein winzig Fensterlein.
Nicht, daß ich fern von Licht und Tag,
    Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich dich nicht zu schaun vermag,
    Mein heiliges blaues Meer!

Ich höre nicht, wie die Brandung rollt
    Und keiner Möwe Geschrill,
Und wenn die Kette nicht rasseln wollt',
    So wär' es totenstill.
Sie bauten wohl fern vom Meer den Turm,
    Wo keine Woge prallt,
Kein Bootsmann pfeift und pfeift kein Sturm,
    Kein Schuß den Sturm durchschallt.
Nicht, daß man in schweigende Nacht mich warf,
    Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich dich nicht hören darf,
    Mein tiefaufdonnerndes Meer!

Mein greises Gebein ist schwer und leer,
    Mein Leib wird nimmer heil,
Die Faust schwingt nimmer die Lunte mehr
    Und nimmer das Enterbeil! –
Die große Flagge auf dem Mast,
    Die Breitseit' lasset sehn,
Und Jungens, wen aufs Korn ihr faßt,
    Der Teufel hole den! –
Nicht, daß ich verwelkt in Haft und Bann,
    Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich auf dir nicht fechten kann,
    Mein kampferschüttertes Meer!

Nun drauf und dran, geentert keck,
    Und feuert noch einmal!
Ha! Schiff an Schiff und Deck an Deck,
    Und ich der Admiral! –
O fiel ich doch im Kugelgezisch!
    Hier lieg' ich siech und wund,
Hinschmachtend wie im Sand ein Fisch,
    Und sterbend wie ein Hund.
Nicht, daß ich sterbe Zoll um Zoll,
    Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich auf dir nicht sterben soll,
    Mein oft bewzungenes Meer!

Die Segel hängt das Schiff im Leid,
    Ein schwarzes, verwitwetes Weib,
Die Flagge deckt als Sterbekleid
    Den toten Heldenleib.
Er sinkt ins Meer von der Spiegelwand,
    Das bebt in heiliger Scheu. –
Mich aber scharren sie in den Sand
    Und schießen nicht einmal dabei!
Nicht, daß mein Leben hier verrann,
    Macht mir das Herz so schwer,
Als daß ich in dir nicht schlafen kann,
    Du Heldengrab, mein Meer!

Ein Wort für den Zweikampf

Wem je im Grimm, wem je im Groll
Die blaue Stirnenader schwoll,
Wem je das Aug' in Wut geflammt,
Wem je den Arm der Mut gestrammt;

Wer je ein Schwert mit Händen griff,
Wem je ein Schwert im Hiebe pfiff,
Wer je der Klinge fest und traut
Ins zornige blaue Aug' geschaut:

Der nimmt den Streich und rächt ihn gleich,
Und gält' es Erd' und Himmelreich;
Für scharfes Wort den scharfen Stahl,
Und gält' es Fluch und Höllenqual.

Pharao

An dem Roten Meer mit bekümmerter Seel,
Mit der Stirn im Staube lag Israel,
Vor ihnen der See tiefflutender Born,
Und hinten des Pharao klirrender Zorn:
    »Jehova, erbarme dich meiner!«

Und Moses schlug mit dem Stab in den Schwall,
Da türmte der Herr die Flut zum Wall,
Und das Volk des Herrn durch die Gasse zog.
Und auf beiden Seiten stand das Gewog,
    Und drüben fehlte nicht einer.

Und Pharao kam an das Ufer gebraust,
Auf der Lippe den Grimm, das Schwert in der Faust;
Sein strahlendes Heer, weit kam's gerollt,
Und Roß und Reiter war eitel Gold;
    »Nun, König der Könige, rette!«

Und hinab in das Meer mit Wagen und Troß!
Doch vornen sprengte des Todes Roß,
Und als in der Gasse ritt Mann an Mann,
Aufbrüllten die Wogen und schlossen sich dann
    Hoch über ihr altes Bette.

Schwer war der Harnisch und tief die See,
Nicht Roß, noch Reiter kam wieder zur Höh,
Und Juda kniet', und der Herr war nah,
Und es sanken die Wasser und lagen da,
    Und still ward's über der Glätte.

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Moritz Karl Wilhelm Graf Strachwitz, Lithographie von Josef Kriehuber, 1841

Moritz Karl Wilhelm Graf von Strachwitz (* 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien) war ein bekannter Balladendichter, der im Tunnel über der Spree ein Vorbild für Theodor Fontanes Balladendichtungen war.

 

 

Leben

Er entstammte einer schlesischen Adelsfamilie, studierte Jura in Breslau und Berlin. Seit 1845 war er Mitglied des Corps Silesia Breslau. Nach dem Studium leistete er sein Referendariat beim Kreisgericht Grottkau ab. Danach ging er auf Reisen nach Schweden, Norwegen und Dänemark. Daraufhin kehrte er zunächst auf sein Gut Peterwitz zurück, siedelte dann aber auf sein mährisches Gut Schebetau über. Auf einer Italienreise erkrankte er in Venedig und starb kurz vor seiner Rückkehr in Wien.
Viele seiner Gedichte wurden vertont, unter anderem von Robert Schumann, Carl Loewe und Johannes Brahms. Besonders bekannt waren unter anderem „Das Lied vom falschen Grafen“ und „Hie Welf!“.
Von seinem Zeitgenossen Ludwig Fränkel wurde er in der „Allgemeinen deutschen Biographie“ wie folgt charakterisiert: „In dem aufreibenden Leben der Großstädte hatte sich seiner eine gewisse Unruhe bemächtigt, […] nie wieder kam er zur rechten Ruhe, zur Freude am Leben, zur Befriedigung mit seinem Schaffen und sich selbst, zur Erkenntnis seines Berufes“ und „Er war eine kühne, in den demoralisierenden Wandelgängen der großen Welt naiv gebliebene Natur.“
Sein bekanntestes Gedicht ist „Das Herz von Douglas“, aus dem noch gelegentlich zitiert wird:

Sie ritten vierzig Meilen fast
und sprachen Worte nicht vier

und:

kurz ist die schottische Geduld
und lang ein schottisch Schwert!

 

Werke

  • Lieder eines Erwachenden, 1842
  • Neue Gedichte, 1848 (Gedichte aus dem Nachlass) (GBS)
  • Gedichte, Breslau 1850 (Gesamtausgabe)

 

Literatur

  • Ludwig Julius Fränkel: Strachwitz, Moritz Graf von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 36, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 480–483.
  • Gertrud Fischer: Der Verfall des Gehalts der heldischen Ballade von Strachwitz und Fontane bis zu den Epigonen (1840–1880). München 1956 (München, Univ., Diss. phil.).
  • Hanns Gottschalk: Strachwitz und die Entwicklung der heldischen Ballade. Triltsch, Würzburg 1940 (Zugleich: Breslau, Univ., Diss. phil., 1940).
  • Alwin Kurt Theodor Tielo (d. i.: Kurt Mickoleit): Die Dichtung des Grafen Moritz von Strachwitz. Duncker, Berlin 1902 (Forschungen zur neueren Litteraturgeschichte 20), (Auch reprographischer Druck: Gerstenberg, Hildesheim 1977, ISBN 3-8067-0610-7).