Literatur, Kunst und Kultur

100-jähriges Bestehen

Im Jahre 2003 hat der Familienverband der Grafen und Freiherren von Strachwitz sein 100-jähriges Bestehen gefeiert.

Literatur, Kunst und Kultur

Wer wagt es?

Das Hirn der Zeit ist ehern,
    Es ist verstockt, vertaubt,
Es hat entflammten Sehern
    Noch immer nicht geglaubt.

Es hat Gebet und Jammer
    Noch nichts darüber vermocht,
Wenn man mit eisernem Hammer
    Nicht donnernd daran gepocht.

Das Roß der Zeit wälzt träge
    Am liebsten im Kote sich;
Da frommen nur Geißelschläge
    Und spitziger Sporen Stich.

Es brachte Liebkosen und Schmeicheln
    Es nimmer noch von der Stell':
Man muß es blutig streicheln,
    Sein dickes Büffelfell.

Das Feld der Zeit ist steinig,
    Es trägt nicht Blüte noch Frucht,
Der Pflug zersplittert schleunig,
    Der drin zu wühlen versucht.

Man muß mit ganzen Geschwadern
    Es stampfen locker und weich,
Man muß des Erdreichs Adern
    Aufreißen mit Schwertesstreich.

Wer reitet beherzt und wacker,
    Wer zwingt das störrische Pferd,
Wer pflügt den steinigen Acker
    Mit dem schneidigen Heldenschwert?

Das Roß bleibt unbezwungen,
    Das Feld bleibt ungestört;
Und was ich hier gesungen,
    Wird bleiben ungehört.

Ein wildes Lied

Viel Sänger singen weit und breit,
    Sie singen in Zorn und Harm,
Sie wollen wecken die träge Zeit
    Aus des Schlummers bleiernem Arm.

Im Schlummer sterben die Völker hin,
    Am Banner schläft der Soldat,
Am Busen der Zeit, der Schläferin,
    Da schlummert die große Tat.

Die Freiheit schlummert im harten Schoß
    Friedseliger Tyrannei,
Nur der Krämer, er sucht noch ruhelos
    Sein goldenes Straußenei.

Viel Lerchen schwirren im Sonnenlicht,
    Indes die Gebirge ruhn,
Sie stören den Schlaf der Lawine nicht,
    Der Donner, er wird es tun.

Und können die Sänger mit Wort und Klang
    Nicht erschließen das Aug' der Zeit:
So wollt' ich, es bräche den Schlummerzwang
    Ein großer, grimmer Streit;

So wollt' ich, es stürzte Geschlecht auf Geschlecht
    Und donnerte Stamm auf Stamm;
So wollt' ich, es sprengte das Mordgefecht
    Der Erde vermorschten Damm.

Komm, Schlachtengebrüll, du Donnerwort,
    Mit Wundengeklaff und Tod,
Mit Völkergroll und Völkermord
    Und Völkermorgenrot!

Komm, Klingenwechsel und Schwerterblitz,
    Komm, rasselnder Reitersturm,
Vor deinem Atem, du Mordgeschütz,
    Zerfahre Mauer und Turm!

Und bricht entzwei die alte Welt,
    Vom Stoß zusammengedrückt:
Viel besser, daß sie in Trümmer fällt,
    Als daß sie schlafend erstickt.

Liebeslieder

1


Du wunderschöne Schlanke,
    Dir biet' ich all mein Herz,
Dies stolze, liebeskranke,
    Glutschmachtende Dichterherz.

Wohl möcht' ich es gern umschlingen
    Mit Blumen aus Ost und Süd,
Zu deinem Preise singen
    Ein hohes, hehres Lied.

Ein Lied, das unermeßlich
    Von Klang zu Klange schwebt,
Ein Lied, das unvergeßlich
    Von Lippe zu Lippe bebt.

Ein Lied, drin Nebeldüster
    Mit Himmelsbläue sich eint,
Ein Lied, drin Blumengeflüster
    Ins Waldesgebrause weint.

Drein möcht' ich verweben, verzweigen
    Den ganzen tönenden Drang,
Verstummen darauf und schweigen
    All, all mein Leben lang.

Doch wenn ich zum stolzen Vermessen
    Mich stolz zusammengerafft,
Entgaukelt mir unterdessen
    Die ganze Gesangeskraft.

Es ist ein einz'ger Gedanke,
    Der stiehlt mir Lied und Herz:
Du wunderschöne Schlanke,
    Dir biet' ich all mein Herz.


2


Ich habe nie das Knie gebogen,
    Den starren Nacken nie gebeugt,
Mit Stolze ward ich aufgezogen,
    Mit Freiheit ward ich aufgesäugt.

Doch allem Stolz im Sein und Handeln
    Entsagt' ich und der Freiheit mit,
Könnt' ich mich in den Staub verwandeln,
    Den deines Schuhes Sohle tritt.


3


Wenn auf zu den Wolken ich schaue
    Ins feucht umwölkte Blau,
Dann denk ich an deine Augen,
    Du wunderschöne Frau!
Und wenn die weinenden Wolken
    Hinstäuben den Morgentau,
Dann denk ich an deine Tränen,
    Du wunderschöne Frau!

Und schau ich zwei Wolken innig
    Zusammenrinnen im Grau,
Dann denk ich an unsre Liebe,
    Du wunderschöne Frau!
Und tobt in der Wolken Busen
    Der Grimm der Orkane rauh,
Dann denk' ich an unsre Schmerzen,
    Du wunderschöne Frau!

Wie gerne dir zu Füßen

Wie gerne dir zu Füßen
    Sing ich mein tiefstes Lied,
Indes das heil'ge Abendgold
    Durchs Bogenfenster sieht.
Im Takte wogt dein schönes Haupt,
    Dein Herz hört stille zu,
Ich aber falte die Hände
    Und singe: Wie schön bist du!

Wie gerne dir zu Füßen
    Schau' ich in dein Gesicht!
Wie Mitleid bebt es drüber hin;
    Dein Mitleid will ich nicht!
Ich weiß es wohl, du spielst mit mir,
    Und dennoch sonder Ruh'
Lieg' ich vor dir und singe,
    Singe: Wie schön bist du!

Wie gerne dir zu Füßen
    Stürb' ich in stummer Qual!
Doch lieber möcht ich springen empor
    Und küssen dich tausendmal,
Möcht' küssen dich, ja küssen dich
    Einen Tag lang immerzu
Und sinken hin und sterben
    Und singen: Wie schön bist du!

Hymnus an den Zorn

Kann mir nichts die Harfe stimmen,
    Nicht die Liebe, nicht der Wein,
Sei's das zornige Ergrimmen
    Über die Philisterlein;
Schon erhebt sich's tausendtönig,
    Riesenhaft in Wort und Ton:
Zorn, du freier Liederkönig,
    Sei gegrüßt mir, Göttersohn!

Sei gegrüßt mir, hunderthänd'ger,
    Starker Retter! Kraftentketter!
Immer stolzer und unbänd'ger
    Ras't dein wild Gedankenwetter;
Eingetaucht in Sonnenbädern,
    Saust dein Schwert in glüh'nden Kreisen,
Aus den raschen Feuerrädern
    Sprüh'n als Funken Liedesweisen.

Himmelssturz und Erdvernichtung
    Zauberst du in Reim und Klang,
Aus dem Flammenstrom der Dichtung
    Rollt's wie Weltenuntergang.
Wie sie zornig sich umsprudeln,
    Mein Klänge wild und toll,
Wie sie mich von dannen strudeln
    Unbezähmbar, zaubervoll.

Auf den Nacken der Gemeinheit
    Seh' ich deine Sohle stampfen,
An des Himmels Strahlenreinheit
    Deines Atems Stürme dampfen;
In dem Kote, draus sie stammen,
    Seh' ich Knecht und Memme kauern,
Wenn aus deiner Rede Flammen
    Donnerkeile niederschauern.

Immer tobe, du Vernichter!
    Mich entzückst du! mich entrückst du!
Immer leuchtender und lichter
    Die Titanenwaffe zückst du!
Magst mich immerhin verderben
    In dem Leuchten, in dem Lodern:
Besser in der Flamme sterben,
    Als im faulen Schlamme modern.

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Moritz Karl Wilhelm Graf Strachwitz, Lithographie von Josef Kriehuber, 1841

Moritz Karl Wilhelm Graf von Strachwitz (* 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien) war ein bekannter Balladendichter, der im Tunnel über der Spree ein Vorbild für Theodor Fontanes Balladendichtungen war.

 

 

Leben

Er entstammte einer schlesischen Adelsfamilie, studierte Jura in Breslau und Berlin. Seit 1845 war er Mitglied des Corps Silesia Breslau. Nach dem Studium leistete er sein Referendariat beim Kreisgericht Grottkau ab. Danach ging er auf Reisen nach Schweden, Norwegen und Dänemark. Daraufhin kehrte er zunächst auf sein Gut Peterwitz zurück, siedelte dann aber auf sein mährisches Gut Schebetau über. Auf einer Italienreise erkrankte er in Venedig und starb kurz vor seiner Rückkehr in Wien.
Viele seiner Gedichte wurden vertont, unter anderem von Robert Schumann, Carl Loewe und Johannes Brahms. Besonders bekannt waren unter anderem „Das Lied vom falschen Grafen“ und „Hie Welf!“.
Von seinem Zeitgenossen Ludwig Fränkel wurde er in der „Allgemeinen deutschen Biographie“ wie folgt charakterisiert: „In dem aufreibenden Leben der Großstädte hatte sich seiner eine gewisse Unruhe bemächtigt, […] nie wieder kam er zur rechten Ruhe, zur Freude am Leben, zur Befriedigung mit seinem Schaffen und sich selbst, zur Erkenntnis seines Berufes“ und „Er war eine kühne, in den demoralisierenden Wandelgängen der großen Welt naiv gebliebene Natur.“
Sein bekanntestes Gedicht ist „Das Herz von Douglas“, aus dem noch gelegentlich zitiert wird:

Sie ritten vierzig Meilen fast
und sprachen Worte nicht vier

und:

kurz ist die schottische Geduld
und lang ein schottisch Schwert!

 

Werke

  • Lieder eines Erwachenden, 1842
  • Neue Gedichte, 1848 (Gedichte aus dem Nachlass) (GBS)
  • Gedichte, Breslau 1850 (Gesamtausgabe)

 

Literatur

  • Ludwig Julius Fränkel: Strachwitz, Moritz Graf von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 36, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 480–483.
  • Gertrud Fischer: Der Verfall des Gehalts der heldischen Ballade von Strachwitz und Fontane bis zu den Epigonen (1840–1880). München 1956 (München, Univ., Diss. phil.).
  • Hanns Gottschalk: Strachwitz und die Entwicklung der heldischen Ballade. Triltsch, Würzburg 1940 (Zugleich: Breslau, Univ., Diss. phil., 1940).
  • Alwin Kurt Theodor Tielo (d. i.: Kurt Mickoleit): Die Dichtung des Grafen Moritz von Strachwitz. Duncker, Berlin 1902 (Forschungen zur neueren Litteraturgeschichte 20), (Auch reprographischer Druck: Gerstenberg, Hildesheim 1977, ISBN 3-8067-0610-7).