Literatur, Kunst und Kultur

100-jähriges Bestehen

Im Jahre 2003 hat der Familienverband der Grafen und Freiherren von Strachwitz sein 100-jähriges Bestehen gefeiert.

Literatur, Kunst und Kultur

An das Sonett

Ich mag mich gern auf deinen Wellen wiegen,
Die auf und nieder sich melodisch drehen;
Ich mag mich gern in deinem Maß ergehen,
Drin Kunst und Kraft sich wechselnd überfliegen.

Denn wer die Form gelernt hat zu besiegen,
Dem wird ihr Zauber gern zu Willen stehen;
Wer einmal nur dem Leu'n ins Aug' gesehen,
Dem wird er willig sich zu Füßen schmiegen.

Drum zürnt mir nicht, wen mich der Klang begeistert,
Der leicht dahin schwebt, kunstgerecht und kunstvoll:
Der ist ein Meister, der die Form bemeistert.

Der Rasende, der, wilder Dichterbrunst voll,
Den Stoff mit rohem Mörtel überkleistert,
Ihm sind die Pieriden nimmer gunstvoll.

Champagnerlied

Schlage zum Himmel, Champagnergezisch,
Springe in silbernen Strudelkaskaden,
        Schieße in pochenden
                Bäumenden Fluten,
        Fließe in kochenden
                Schäumenden Gluten,
Ähnlich dem Bronnen der Quellennajaden,
Drin sich die Glieder der Artemis baden,
        Tief in des Idas Cypressengebüsch.

Forme die Perlen von silbernem Schaum,
Die sich erheben aus siedendem Spiegel,
        Die in den spitzigen
                Trichterpokalen
        Funkelnd dem hitzigen
                Sprudel entstrahlen,
Die aus der Flasche gebrochenem Siegel
Schweben und tanzen auf duftigem Flügel,
        Steigen und sinken im goldigen Raum.

Schlagt auf die Becher mit wirbelndem Schlag,
Daß sie erbrausen in rollendem Falle;
        Laßt in den duftigen
                Tiefen des Nasses
        Tanzen die luftigen
                Geister des Fasses,
Laßt sie in spritzendem, staubendem Falle
Stürzen aus blitzendem Becherkrystalle;
        Kurz ist der Jugend moussierender Tag.

Crillon

Herr Louis de la Balbe Crillon,
Ihr kennt den Mann, der niemals floh,
Herr Louis de la Balbe Crillon,
Er hielt die Feste von Bordeaux.

Herr Louis de la Balbe Crillon,
Er lag zu Bett seit kurzer Zeit,
Mit ganzer Seele schlief Crillon,
Der Tag war lang, die Bresche breit!

Von Guise war's, der junge Herr,
Hell schien sein Schwert durchs Dämmerlicht,
Vors Bette stürzt' er mit Geplärr,
Fest schlief Crillon und hörte nicht:

»Ha! Monjoie, wach' auf, Crillon,
Das Tor gesprengt, der Feind im Platz!«
Herr Louis de la Balbe Crillon
War aus dem Bett mit einem Satz.

Im bloßen Hemd, mit nacktem Knie,
Er fragt nicht lang nach Schild und Helm:
»Wo hängt mein Schwert, wo stehen sie?«
Da lachte laut der junge Schelm:

»Das Tor ist fest, kein Feind ist nah,
Sie sagten mir in ganz Paris,
Daß noch kein Mensch dich zittern sah,
Nun glaub' ich's gern, bei Saint Denis!

Mit eignen Augen wollt' ich's schaun;
Vergib du Held, es war ein Scherz!«
Des Ritters Stirn ward dunkelbraun,
Des Herzogs Blick fiel bodenwärts.

Sie standen vor einander da,
Dem Junker war nicht wohl zu Mut;
»Daß mich dein Aug' nicht zittern sah,
Das war dein Glück, du junges Blut!«

Das Christkind in der Fremde

Ich habe bei Becherschimmer
    Gestern allein gewacht,
Und habe wohl wie immer
    An Schlachten und Stürme gedacht.

Der Wein, der kraftgewürzte,
    War hell wie Heldenblut,
Doch je mehr ich hinunterstürzte,
    Je trüber ward mein Mut.

Ich mocht' es nicht mehr tragen,
    Ich ging in die Nacht hinein;
Lichtwellen sah ich schlagen
    Aus Fenster und Fensterlein.

Da sah wie ein Bettlerkind ich
    In jeden erhellten Raum;
Wo meine Mutter find' ich,
    Wo steht mein Weihnachtsbaum?

Und als ich kam nach Hause,
    Was ist das in aller Welt?
Da war in meiner Klause
    Ein jedes Fenster erhellt.

Und als ich trat ins Zimmer,
    Da war's nicht mehr ein Traum,
Da stand im vollsten Schimmer
    Der schönste Weihnachtsbaum.

Und an dem Strahl der Kerzen,
    Da fühlt' ich, wie zerschmolz
Im sturmbegierigen Herzen
    Der wilde, sehnende Stolz.

Es war so mild zu schauen,
    Wie jedes Lichtlein glomm,
In die Augen tät mir tauen
    Ein Fühlen kindesfromm.

Mir war's, als dürft' ich träumen,
    Ich sei nicht mehr verwaist,
Und es webte in den Räumen
    Meiner Mutter süßer Geist.

Doch die den Baum mir stellten
    In meine öde Nacht,
Mag's ihnen Gott vergelten,
    Wie selig sie mich gemacht!

Deutsche Hiebe

Durch Genuas Straßen zügellos,
    Da tummelt sich das Verderben,
Das Schwert ist bloß, die Rache groß:
    Der Doria, der muß sterben!
Sie stürmen heran, sie suchen den Greis,
    Sie können zu ihm nicht dringen;
Den Alten schirmt ein Zauberkreis,
    Ein Kreis von deutschen Klingen.

Der eherne Knäul, er schreitet stumm
    Im schwer hindröhnenden Takte;
Um des Herzogs Brust, als Wall rundum,
    Da leuchtet das Schwert, das nackte.
Es stutzt die italische Mordbegier
    Im wildesten Rachetriebe;
Die Frage schallt: Was gibt es hier?
    Die Antwort: »Deutsche Hiebe!«

So standen die Deutschen ehrenhaft
    Für andere im Gefechte,
So focht die deutsche Bärenkraft
    Für fremder Herren Rechte;
Doch zupften sie dir am eignen Gewand,
    Die fremden Diebeskrallen,
Mein Vaterland, mein Vaterland,
    Da ließest du dir's gefallen!

Mein Vaterland, lieb Vaterland,
    Wenn dich die Welschen drängen,
Und wenn des Reußen freche Hand
    Dir deinen Brei will mengen,
Dann auf die Finger unverzagt
    Klopf' ihn dir selbst zuliebe,
Und wenn er schreiend: Was gibt's denn? fragt,
    So sage: »Deutsche Hiebe!«

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Moritz Karl Wilhelm Graf Strachwitz, Lithographie von Josef Kriehuber, 1841

Moritz Karl Wilhelm Graf von Strachwitz (* 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien) war ein bekannter Balladendichter, der im Tunnel über der Spree ein Vorbild für Theodor Fontanes Balladendichtungen war.

 

 

Leben

Er entstammte einer schlesischen Adelsfamilie, studierte Jura in Breslau und Berlin. Seit 1845 war er Mitglied des Corps Silesia Breslau. Nach dem Studium leistete er sein Referendariat beim Kreisgericht Grottkau ab. Danach ging er auf Reisen nach Schweden, Norwegen und Dänemark. Daraufhin kehrte er zunächst auf sein Gut Peterwitz zurück, siedelte dann aber auf sein mährisches Gut Schebetau über. Auf einer Italienreise erkrankte er in Venedig und starb kurz vor seiner Rückkehr in Wien.
Viele seiner Gedichte wurden vertont, unter anderem von Robert Schumann, Carl Loewe und Johannes Brahms. Besonders bekannt waren unter anderem „Das Lied vom falschen Grafen“ und „Hie Welf!“.
Von seinem Zeitgenossen Ludwig Fränkel wurde er in der „Allgemeinen deutschen Biographie“ wie folgt charakterisiert: „In dem aufreibenden Leben der Großstädte hatte sich seiner eine gewisse Unruhe bemächtigt, […] nie wieder kam er zur rechten Ruhe, zur Freude am Leben, zur Befriedigung mit seinem Schaffen und sich selbst, zur Erkenntnis seines Berufes“ und „Er war eine kühne, in den demoralisierenden Wandelgängen der großen Welt naiv gebliebene Natur.“
Sein bekanntestes Gedicht ist „Das Herz von Douglas“, aus dem noch gelegentlich zitiert wird:

Sie ritten vierzig Meilen fast
und sprachen Worte nicht vier

und:

kurz ist die schottische Geduld
und lang ein schottisch Schwert!

 

Werke

  • Lieder eines Erwachenden, 1842
  • Neue Gedichte, 1848 (Gedichte aus dem Nachlass) (GBS)
  • Gedichte, Breslau 1850 (Gesamtausgabe)

 

Literatur

  • Ludwig Julius Fränkel: Strachwitz, Moritz Graf von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 36, Duncker & Humblot, Leipzig 1893, S. 480–483.
  • Gertrud Fischer: Der Verfall des Gehalts der heldischen Ballade von Strachwitz und Fontane bis zu den Epigonen (1840–1880). München 1956 (München, Univ., Diss. phil.).
  • Hanns Gottschalk: Strachwitz und die Entwicklung der heldischen Ballade. Triltsch, Würzburg 1940 (Zugleich: Breslau, Univ., Diss. phil., 1940).
  • Alwin Kurt Theodor Tielo (d. i.: Kurt Mickoleit): Die Dichtung des Grafen Moritz von Strachwitz. Duncker, Berlin 1902 (Forschungen zur neueren Litteraturgeschichte 20), (Auch reprographischer Druck: Gerstenberg, Hildesheim 1977, ISBN 3-8067-0610-7).