Mauritz

1285

Die Großfamilie Strachwitz war urkundlich seit 1285 in Schlesien ansässig.

ImageMauritz Freiherr von

STRACHWITZ und Groß-Zauche

Generalleutnant

 

 geb.:   12.12.1898  Bruschewitz / Krs, Trebnitz / Schl.
 gest.:   10.12.1953  Lager Asbest / Swerdlowsk / UdSSR
     
 Eintritt:  17.07.1916   
 a. D.:   09.07.1920   
 reaktiviert:  11.10.1920   
     
 Ritterkreuz:  09.01.1945  
 Deutsches Kreuz in Gold:  21.05.1943  

10.09.1916 Fahnenjunker-Gefreiter
30.09.1916 Fahnenjunker-Unteroffizier
03.08.1917 Fähnrich
28.12.1917 Leutnant ohne Patent
31.12.1921 Patent vom 18.12.1917 erhalten
01.07.1922 RDA, vom 0 1 .08.1917 (11) erhalten
31.07.1925 Oberleutnant mit RDA, vom 01 .04.1925 (575)
01.04.1933 Rittmeister / Hauptmann (70)
01.08.1936 Major (75)
01.04.1939 Oberstleutnant mit RDA. vom 01 02.1939 (29a)
01.01.1942 Oberst (48)
01.02.1944 Generalmajor (15)
01.08.1944 Generalleutnant(6)
17.07.1916 als Fahnenjunker in die Ersatz-Eskadron des Husaren-Regiments 4 eingetreten
10.10.1916 bis 0 1. 11. 1916 kommandiert zum Zug- und Unterführer-Kursus in Neuhammer
09.02.1917 bis 30.06.1917 kommandiert zum Fahnenjunker-Kursus in Döberitz
17.07.1917 zum Husaren-Regiment 4 ins Feld
04.07.1917 bis 12.01.19 18 kommandiert zum Kursus für leichtes MG und Zugführer-Kursus am schweren MG beim Landsturm-Bataillon Gotha
12.01.1918 bis 27.03.1918 kommandiert als Ordonnanz-Offizier beim Stab der 93. Infanterie-Brigade
15.09.1918 bis 08.10.1918 kommandiert zum Kompanieführer-Kursus in Libau
09.10.1918 Ordonnanz-Offizier beim Stab des Infanterie-Regiments 188
07.11.1918 Kompanieführer im Infanterie-Regiment 188
10.01.1919 in die Ersatz-Eskadron des Husaren-Regiments 4 zurückversetzt
09.02.1919 mit dem Husaren-Regiment 4 zum Grenzschutz
01.07.1919 in das Rw.-Kavallerie-Regiment 8 versetzt
13.04.1920 in das Reiter-Regiment 7 versetzt
09.07.1920 verabschiedet
11.10.1920 im Reiter-Regiment 7 wieder angestellt
31.10.1921 bis 12 11.1921 kommandiert zum Kursus für indirektes Schießen mit dem MG in Neuhammer
07.02.1922 MG-Halbzug-Führer im Reiter-Regiment 7
16.09.1924 bis 07.10.1924 kommandiert zum MG-Lehrgang auf dem Truppenübungsplatz Neuhammer
20.10.1925 bis 28.11.1925 kommandiert zum Kampfschul-Lehrgang in Döberitz
19.04.1926 bis 08 05 1926 kommandiert zum Lehrgang am schweren MG auf dem Truppenübungsplatz Neuhammer
04.04.1927 bis 21.08.1927 kommandiert zum Offiziers-Waffen-Schul-Lehrgang in Dresden
15.04.1927 MG-Offizier beim Stab des Reiter-Regiments 7
01 10.1930 kommandiert zur Führergehilfen-Ausbildung beim Stab der 4. Division
01.10.1932 in das Reiter-Regiment 18 versetzt und kommandiert zur Kommandantur Berlin
01.10.1933 zum Stab der Kommandantur Breslau versetzt
01.10.1934 zum Stab des Grenzabschnitt-Kommandos Breslau versetzt
15.10.1935 Chef der 5. Eskadron des Kavallerie-Regiments 8
06.10.1936 zum Stab der Inspektion der Kavallerie versetzt
01.03.1938 Ia im Generalstab der 18. Infanterie-Division
05.11.1939 Ia im Generalstab des VIII. Armeekorps
25.10.1940 Ia im Generalstab der 18. Armee
15.07.1942 Chef des Generalstabs des X. Armeekorps
25.09.1943 Führerreserve OKH
15.11.1943 Führerreserve - Heeresgruppe Mitte
20.11.1943 mit der Führung der 87. Infanterie-Division beauftragt
01.02.1944 Kommandeur der 87. Infanterie-Division
09.05.1945 in sowjet. Kriegsgefangenschaft
10.12.1953 verstorben

 

 

 

Mauritz Freiherrn von Strachwitz

zum Gedenken

Erzählt von einem, der mit ihm war.

Nach dem Zusammenbruch 1945 waren weit über Rußlands Unendlichkeit Deutsche Kriegsgefangenenlager hingestreut. Ihre Wahrzeichen waren rostiger Stacheldraht und Wachtürme. In ihnen herrschte Hunger, Not und Bedrückung. Ein dunkelgrauer Himmel, aus dem die ersten schweren Flocken fallen. Kommunistische Propaganda und Agitation schüttelt die Deutschen wie ein Fieber, die Hetze gegen alles Frühere, Überliefertes von Jahrhunderten Deutscher packt sie wie der Satan.

Die Baracke hat einige Hundert aufgenommen. Du hörst den Redner, den die rote Partei entsendet. Sein geschäftiger Verstand holt dir die Dinge herauf, fügt und verbindet sie, daß es vor deinem Auge glänzt. So ist es! rufst du. Recht hat er! So zwingt er dich, und sei es nur für kurz. Deine Stimmung ist die der Versammlung, und deine Stimme ist sein.

Die Dinge hat er dir genannt, die du siehst und tastest, doch nicht die Gründe, die nur das Herz in stillen Stunden spürt. Hast du sie je gespürt Vielleicht. Doch nun bist du bezwungen. Besiegt ist die Versammlung. Verstand im Gleichschritt - wie der Feind es wollte. Die Masse wird seine Waffe.

Besiegt sind alle. Alle Siehe dich nur um: Zustimmendes Nicken, wo der Redner will, flammender Hass, wo er dich empören will, rauschender Beifall, wo er fordert, was deinen Egoismus sättigt. Du sahst dich um. Er, den du sahst, blieb stumm, als rings der Beifall tobte. Wo Rachlust und Ingrimm aus aller Augen sprühten, da blieb er ruhig und gelassen. Und als der Redner rief: nehmt nur, nehmt alles - Land, Fabriken, Eigentum der anderen! Ihr seid im Recht! - wie die geweckte Gier aus den Gesichtern schrie, schwieg er, und Bedauern und Mitleid war in seinen Augen.

Du sahst nach vorn, du sahst zurück. Der eine sprach, der andere schwieg. Für wen schlug dein Herz

Spiel und Lustbarkeit - nur her damit! Vergessen willst du die Fron des schweren Tages, die harte Zeit, die Qual und Mühe, die das Morgen bringt.

Lachsalven hallen durch den Saal. Ein wenig kritisch tratst du ein, denn Besseres hast du gesehen.

Der Clown dort nicht so übel. Und nun zwei Sänger. Zwar ein politisch Lied, ein garstig Lied, doch Witz ist drin. Du lachst - vergißt den Zwang. Darfst du vergessen Ja, du sollst, so will es der Feind. Wenn du nicht schuftest, sollst du nicht denken, nicht wissen, daß du ein Sklave bist, dich nicht erinnern, daß Liebe in der Heimat deiner harrt.

So will es der Feind: Du sollst nicht fühlen, daß du mit Leib und Seele aus dem Schoß deines Volkes herausgerissen bist. Schufte, daß dir zum Denken Zeit und Lust vergeht. Friß Witz und Zote, bis im Lachen Heimweh und Antrieb zu befreiender Tat erstickt. Du lachtest! Und sahst zur Seite: und sahst ihn wieder, deinen General. Stumm war er, biß sich auf die Lippen. Doch du lachtest und vergaßt.

Dann johlt alles. Die Uniform des deutschen Leutnants auf der Bühne. Drin steckt der größte Nichtsnutz - Überläufer, Kommunist, Befreier. Er stolziert, er näselt, stottert, stolpert - groteske Norm des deutschen Offiziers, aus Sowjetbüchern einstudiert. Beifallstürme, Klatschen, Rufe: Heil, Heil, Herr Leutnant. Du lachst und vergißt das Morgen und deine Pflicht, dem Zwang zu widerstehen. Doch dann siehst du zur Seite. Dein General steht leicht gebeugt, gequält und müde. Jetzt wendet er sich und geht. Du siehst ihm nach, betroffen. Die falsche Freude flieht. Du fällst zurück aus dem Vergessen in die Wirklichkeit, die unter Lust und Lärm und Johlen war: Stacheldraht - Gewehre - Rußland! Du stehst gebannt, gelähmt. Wo ist jetzt Deutschland Immer noch siehst du ihm nach. Jetzt geht dein General zur Tür. Schlägt nicht dein Herz zu ihm

Entlarvt die Kriegsverbrecher! Das ist jetzt die Losung im Lager. So steht es auf dem schwarzen Brett, in der Kriegsgefangenen-Zeitung, so hallt es aus dem Lagerfunk, so schreien die deutschen Helfershelfer der russischen Lagerführung. Alle wissen, was dem Russen Kriegsverbrechen ist: die geschlachtete Kuh, das verfeuerte Holz, jede abgeschossene Kanonenkugel, die russische Feldbefestigungen traf. Partisanen, die, unter bürgerlicher Lumpenkleidung die Waffe tragend, den deutschen Soldaten meuchlings mordeten, sie sind die friedliche, unschuldige Bevölkerung. So werden wir als Diebe, Räuber, Mörder, Massenmörder ausgerufen.

Du sollst sie melden, anzeigen, Generale, Offiziere und Mannschaften.

Du willst nicht Du wirst!

Versammlung, heiße Reden, zum Schluß die Resolution: Die hier Versammelten fordern einstimmig strenge Bestrafung derjenigen, die sich an sowjetischen Bürgern und sowjetischen Eigentum im Kriege vergangen haben. Wir verpflichten uns, alles Belastende auszusagen.

Die Versammlung schreitet zur Abstimmung der Resolution, offen, durch Hochheben des Arms.

Du willst immer noch nicht Denkst du an deinen General, dem du einst treu ergeben warst

Da brüllt einer vom Rednerpult. Es ist kein gutes Deutsch und breit auf sächsisch fließt es daher: Nu, da erklärt sich einer solidarisch mit den Verbrechern. Aber wir werden die Reaktion kaputt machen. Sag, du dahinten, Kamerad, hast du selbst etwas auf dem Kerbholz, daß du die Verfolgung von Verbrechen zu scheuen hast

Schwer wird es dir gemacht. Noch zögerst du. Da erhebt sich der sowjetische Kommissar, fragt zur Seite leise nach deinen Namen. Du siehst dich nochmal um. Nein, dein General ist nicht im Saal. Nun streckst auch du die Hand.

Die Sache des Fortschritts und der Gerechtigkeit hat gesiegt, spricht der Antifaschist. Die Resolution ist einmütig angenommen.

So stießt du deinen General in den Pfuhl, um selbst im Trocknen zu bleiben.

So stießt du ihn und liefst von ihm fort, der im Kriege als dein Divisionskommandeur Not und Gefahr mit dir teilte, Brot, Trank und die letzte Zigarette. Als das Unheil schon über unser aller Häuptern schwebte, drängte er aus der Heimat, wo er seine Wunden ausheilen sollte, zurück an die Front, flog ins belagerte Kurland, zu seiner Division, zu dir. Dafür liebtest du ihn und weil er wenige Tage später treu und aufrecht im Wirbel des Zusammenbruches und der Gefangenschaft dein Los teilte. Doch du verleugnetest ihn heute.

Tags darauf. Du siehst ihn von weitem auf der Lagerstraße und weichst aus. Er geht dir nach. Machen Sie sich keine Kopfschmerzen, sagt er, Sie haben getan, was Sie mussten. Sie taten es nicht gern.

Er will dich halten, trösten. Es gab dir einen Stich. Wie tief war der Morast, in den du fielst.

Mir kann keiner helfen, sagte er, ich bin Junker, Baron, General - das genügt hier zur ewigen Verdammnis. Strachwitz lachte. Denken Sie an sich und Ihre Familie!

Das ist bitter für dich, denn du weißt: er selbst dachte so nicht an sich und seine Familie. Er schrie nicht mit anderen um die Wette: Kreuzigt sie! Mit Schmähung und Verdächtigung anderer sich rein waschen, wo keine Schuld war Sich politisch anzubiedern, um Heimkehr, Sicherheit und Leben zu erkaufen, wo schon die ersten Generale dem Strick anheim fielen Nichts von alledem! Er trotzte, in dem er der Versammlung fern blieb. Und du Was tatst du Wie bitter schmeckt der Trost von einem, der edel und tapfer genug ist, solches Trostes niemals zu bedürfen. Dein General ging ins Unglück, aber rein, und doch mitfühlend und zu bescheiden, dir seinen Stolz und Wert zu zeigen. Dich ekelte vor deinem Dreck. Dann kam das Wiedersehn in Workuta, in der Eismeerzone. Es war ein Wiedersehn und Erschrecken. Da steht er plötzlich vor dir im Schneesturm, in der Tundra, im Schutze einer umgestürzten Lore und ißt das trockne, hartgefrorene Brot. Er ist hager, bleich und leicht gebeugt. Das ist der Mann, den deine Zeugenaussage traf. Du schriebst sie furchtsam und zitternd, als man es befahl. Doch eine kleine Hoffnung mischte sich darein - die war, des Teufels. Sie lockte dich und ließ dich die Augen schließen vor dem Elend, das du schaffen halfst, vor dem Bild des tapferen Generals.

Doch nun ist kein Entweichen. Da steht er vor dir und betrachtet dich mit stummem, leeren Blick. Da ist kein Haß drin, kein Vorwurf, auch keine Freude. Keine Regung. Sein Auge wird niemals mehr des Guten, Edlen sich erfreuen, da es sogleich das Dunkle, Böse dicht dahinter sieht. Und das hast du getan. Kaum empfindet du als Pein und Unglück, daß dich die niedere Hoffnung trog Freiheit... Heimat. Du tatest den Russen deinen Dienst und konntest gehen nach Workuta. Anders der General: drei Wochen Dunkelkarzer in Stalino, hungernd und ohne Schlaf widerstand er und dann verrietst du ihn mit... Unwahrheiten.

Ein Wiedersehn und Erschrecken - die Selbstzerfleischung ist dir Sühne. Da steht er vor dir. Ruhig und ernst, halb träumend, dich streifend steht sein Blick im Tanz der Flocken. Das mag er sagen oder fragen: das menschliche Gerüst ist aufgebaut aus schwachem Stoff und trägt an Schuld und Bösem Überlast und ... bricht nicht. Ist das sein Gutes

Du aber verzweifelst und meinst, die Last nicht länger tragen zu können. Du beneidest den General von Strachwitz und wünschst dir sein Unglück dreifach, vierfach - doch frei von Schuld.

Zweites Jahr in Workuta! Sommer - welch ein Sommer! Schon Wochen strömt der Regen, Kraut und Moos saugen die Feuchte. Sturzbäche strömen durch die Tundra. Jeder Schritt zur Arbeit - ein Bad bis zum Knie.

Es ist Nacht. Die bleierne Dämmerung der verhangenen Polarsonne zeugt Todesstimmung und Verzweiflung.

Die Gefangenen erreichen die Lehmkarriere der Ziegelei. Die Bewachsung schwindet. Die Füße versinken im gelben Schlamm. Die Kleidung ist schon jetzt naß bis auf die Haut. Es sind Wattesachen, gegen Kälte bestimmt. Sie sind schwer und naß wie Schwämme. Regenkleidung gibt es nicht für Deutsche. Regenkleidung tragen die russischen Chefs, die in den Schreibstuben sitzen. Hier aber klatscht der Regen in die Gesichter, 12 lange Arbeitsstunden.

General von Strachwitz steht inmitten seiner Kameraden, Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der alten deutschen Wehrmacht. Er betrachtet den Schaft seines Spatens, der naß und glitschig ist. Dann stößt er ihn in den Lehm, tritt mit dem Fuß aufs Blatt, die Hand drückt auf den Stiel gurgelnd und quietschend schießt das gelbe Wasser in die Höhlung. Arbeiten, um warm zu werden, und zur Selbsterhaltung: Zweimal lag er schon im sogenannten Lazarett, halb verhungert. Dystrophie nennen es die Sowjets. Jetzt ist er einmal wieder gesund - gesund geschrieben - nur noch die Beine haben Wasser, daß er mit dem Daumen Beulen in die Fesseln drücken kann. Vielleicht, so hofft er, reichen bald die Zeichen, mich eine Zeit aus dieser Mühle zu befreien.

Die Welt steht Kopf: unschätzbares, sonst gehegtes Gut, Gesundheit, ich wünsch dich fort, um mich mit einer kleinen Ruhepause zu betrügen, die ich von meiner Lebensfrist bezahle. Einmal nicht morgens aufstehen müssen - eine Woche lang die Pritsche hüten, nicht 4 Uhr morgens eine Stunde lang nach einer Kelle Grütze anstehen müssen, im Zug, im Regen. Verflucht sei die Gewohnheit und Gesundheit - daß man hier in der Nässe nicht das Fieber kriegt! Dem General bleibt noch die Hoffnung: Wasser in den Beinen - nur raus aus der Galeere! Es wär'ein Traum...

Doch was dann Wieder in den Dreck Kein Ende Bis ans Ende meiner Tage Jahrelang ein Dasein, das noch kein Mensch aus meiner langen Ahnenreihe kostete 25 Jahre

Er hält inne, richtet sich auf. Die kalte Luft fährt zwischen nasses Hemd

und nasse Haut. Es schüttelt ihn. Es schüttelt jeden der Jüngeren, die

ihn sehen. Der Tod verlor für sie den Stachel. Gewehrläufe, die jetzt auf sie gerichtet wären - versöhnlicher Gedanke! Das wäre Gnade und Erlösung.

Doch nein! Langsamer Mord wird hier beschert. Du sollst dich morden, indem du deinem Feinde Häuser baust-. An seinem Leben sollst du sterben.

Strachwitz dreht sich zu seinen Kameraden um. Sein Blick war lebhaft, jung, doch seine Stimme ruhig, ohne Pathos, vom gütigen Humor gewärmt: So werde ich hier verheizt, nachdem zwei Weltkriege mich nur angesengelt haben, hier, hier und hier! Er deutet auf seine Verwundungen. Ich habe einen Wunsch noch: auf irgendeinem Marktplatz stehen, unterm Galgen, vorm russischen Henker, vor Laufmündungen - und einen Zeugen aus meiner Heimat haben, einen Deutschen, der zu Hause berichtet, wie ich gestorben bin. Ist das zuviel verlangt

Die anderen kannten das, sie schwiegen.

Nenn ich schon nichts mehr bin, nur Tier und Arbeitskraft, dann soll mein Rang und Name zeugen g e g e n diese und f ü r die Heimat. Soviel Mut habe ich noch, daß dieser letzte Schritt wie Tat aussieht. Er blickte von einem zum anderen. Es war Entsagung, als er sprach: Nicht einmal die G e l e g e n h e i t zum leuchtenden Beispiel gönnen sie mir. Wie gesagt: langsam verheizt.

Sein Blick senkte sich in den gelben Morast und wurde traurig. Ich kämpfte gegen diese Menschen, so dachte er, als Gegner, ritterlich. Der Krieg war aus. Sie behandelten mich als ihren schlimmsten Feind. So haben sie mich zum Feind gemacht. Die Kugel haben sie an mir gespart. Ich soll verrecken. Nein! Sie behandelten mich nicht als Feind, sie übersahen mich als Menschen, nehmen mich als Sache, bestenfalls als fühlloses Zugtier, zertreten schlichte, anspruchsloseste Gefühle, wissen nichts von Menschenwürde und spielen mit meiner Qual. Gegen wen soll ich klagen Vor wem mein Recht verfechten So denkt er - und zum 1000. Mal schließt sich der Kreis dieser Gedanken. Denn der Feind bleibt hart und verschlossen wie die graue Tundra, in der sich Worte und Gedanken verlieren. Es ist alles hoffnungslos - aussichtslos...

Strachwitz drückt auf den Spaten. Der zähe, gelbe Schleim gurgelt in der Höhlung, er quietscht in den Schuhen, von oben läuft das Wasser in den Kragen. Vom Himmel rauscht es unaufhörlich herab, und 10 Stunden Fron liegen noch voraus... heute...

Strachwitz ging seinen Leidensweg ruhig, beherrscht und nüchtern denkend. Er liebte nicht die Pose und das Laute. Hinter dem Stacheldraht war er ein Weiser: er unterliß eher als er tat, er schwieg häufiger als er sprach. Doch die Tat war immer zur rechten Zeit und zur rechten Stelle: wo der Feind den Einbruch in sein menschliches und deutsches Glaubensbekenntnis unternahm, wo die Umrisse eines Charakters gefährdet waren, die aus seinem Blut und Stamm, aus der Überlieferung und Erziehung seines Geschlechtes, seines Berufes und seines Volkes hochgewachsen waren. Aus Tun und Lassen, aus Schweigen und Reden erhob sich mit zwingender Klarheit seine Gestalt. Das Unausgesprochene war in seinem Blick. Seine Augen konnten reden: Wohlwollen, Freundschaft, doch auch Verachtung und Ekel, strafenden Hohn. Seine Augen m u s s t e n reden, jeder Gesichtszug, jede kleine Gebärde waren unverfälschter Ausdruck, ehrliche, unbewusste Offenbarung seines klaren Wesens. Das gute oder böse Beispiel, das das Schicksal aller anging, forderte seine Teilnahme ganz und unmittelbar und seine Haltung war ein klares f ü r oder g e g e n. So zeigte er den Kurs, so rief er ins Gewissen.

Das knappe Wort, der karge Ausdruck seines Fühlens und Denkens und seines Urteils wollte verstanden sein: aber die lange mit ihm waren, lernten es, und durch sie die anderen.

Auch wie er litt, lernten sie verstehen. Nichts traf ihn schwerer, als Schmach und Schande, die einer dem Vaterlande antat. Er wußte den Schmerz zu unterdrücken, doch einmal wurde er laut, und seine Stimme schnitt, als die Namen von York und Tauroggen von Verrätern mißbraucht wurden.

Was dort geschah, war nicht gegen Preußen, dessen König an Napoleon gebunden war. Es war für Preußen und für Deutschland. Yorks Tat war echte Mannestat, sie war Mut. Seydlitz unterlag dem Druck und der Drohung und, damit seiner Schwäche. Was er tat, war billig, feige und Verrat! Er stand hoch aufgerichtet und heller Zorn sprühte aus seinen blauen Augen auf die Wortführer der Schande. Dann wandte er sich schroff um und ging.

Einen anderen traf kalte Verachtung. Das war der Herr von Lenski, General, Kavallerist, Gutsbesitzer im deutschen Osten. Der schrieb in das Blatt, das schwarzweißrot umrändert war, die Kriegsgefangenenzeitung, das Wort vom deutschen Osten, das den letzten Landser tief empörte: Polnischer Anspruch auf Sicherheit erheischt die Oder-Neiße-Grenze. Ostpreußen, Pommern und Schlesien sind altes Slawenland. Deutsche Gewalttätigkeit raubte dies Land. Wir geben es zurück.

Tüchtigkeit, Fleiß und Hingabe erschlossen dem Deutschtum dies Land. Jahrhundertelang tränkte deutscher Schweiß diesen Boden und das Geschlecht der Strachwitz ackerte und baute in diesen langen Zeiten. Ein Vorfahr kämpfte 1241 bei Liegnitz auf der Wahlstatt und schirmte Europa vor den andrängenden Horden Asiens, bis 1945 die Familie, von Bruschewitz aus vor neuen schrecklichen Eroberern fliehend, nur das nackte Leben rettete. Die Sowjets verfügten über Deutsches Land, sie waren die Sieger und brauchten nicht zu fragen. Doch Lenzki schrieb: Wir geben es zurück geschichtliche Farce, von einem Hörigen gespielt, geschmacklos, in Witterung des neuen Windes.

Eine lange Kameradschaft hatte Strachwitz und Lenzki miteinander verbunden, gemeinsame Kämpfe in zwei Kriegen, heitere Erlebnisse in Garnisonen und Manövern.

Heute begegnen sie sich in Rußland hinter Stacheldraht. Lenzki weiß, daß eine üble Fama ihm vorausläuft. Was Strachwitz war und ist, ist allgemein bekannt. Das Treffen wird nicht einfach sein, denkt Lenzki, doch er wagt es: Guten Tag, mein lieber Strachwitz, ruft er und strahlt gewinnend.' Die Rechte streckt er aus und nähert sich bewegt, lebhaften Schrittes.

Ich kenne Sie nicht, sagt Strachwitz eisig und geht vorbei. Er spricht heute auch nicht mit denen, die mit ihm sind. Doch an seinem ungestümen Schritt bemerken sie, was in ihm gärt.

1953. Asbest, Stadt hinterm Ural. Hier fängt Sibirien an. Feiner Staub legt sich in langen Schwaden auf die Landschaft. Kaum sieht man über die Straße. Baum und Strauch werden überstäubt, sie stehen bleich wie in einem Totenland. Die Tiere kümmern dahin, Menschen atmen gequält den stickigen Hauch.

Asbest als Stoff - hier ist die größte Förderung der Welt: sie noch zu steigern, sind die Deutschen ausersehen.

General von Strachwitz arbeitet im Strafanzug. Wie sollte es anders sein bei einem Untadeligen, der dem Feinde immer unerreichbar blieb und ihm deshalb hassenswert war. Der Brigadier des Zuges, die dunkelste Gestalt des Lagers, war Werkzeug in der Hand des Russen.

Strachwitz'Gelbsucht war nicht ausgeheilt, wieder trieb man ihn zum Lagertor hinaus, in die Fabrik, wo zu einem neuen Gleis die Schwellen verlegt wurden. Die Arbeit war schwer. Scheinheilig riet der Brigadier ihm an, sich zu schonen, erzählte viel, wie er sich beim Russen mühte, ihm Erleichterung und Befreiung zu verschaffen. Sprach.. sprach, doch folgten keine Taten. Bald stand Strachwitz von seiner Pritsche nicht mehr auf. Kameraden schafften ihn ins Lazarett. Deutsche und russische Ärzte forschten nach der Ursache der Krankheit. Man fand sie nicht. Man gab ihm Mittel, verschrieb Behandlung.

Strachwitz fragte den deutschen Arzt: Was habe ich Wir wissen es nicht, war die Antwort. Wir haben hier nicht die Mittel und Möglichkeiten, eine Diagnose zu stellen. Worauf - ich bitte Sie - behandeln Sie mich denn, wenn Sie nicht wissen, was mir fehlt

Der Arzt schwieg. In langen Jahren der Entbehrung, körperlichen und geistigen Zwanges war er der Lockung erlegen: den Arzt zu s p i e 1 e n, wo er es nicht s e i n konnte, das Lazarett zu begehen, um nicht in harter Arbeit, mit Brechstange und Spitzhacke, in Staub und Hitze oder grimmiger Kälte das Dasein zu fristen. Auch er war Werkzeug, denn er hatte die hohe Verantwortung des Arztes, die Pflicht, dem Gewissen zu folgen, abgeschrieben und vergessen. Schon viele hatte er sterben sehen, ohne helfen zu können oder zu gleichgültig, es noch zu wollen. Er war verhärtet. Ihn rührte nicht mehr der eine.

Nach Tagen verlangte Strachwitz: Wenn Sie der Krankheit hier nicht auf die Spur kommen, so schaffen Sie mich dorthin, wo das möglich ist. Dann können Sie anfangen, mich zu heilen. Allein in Frage kam die Universitätsklinik von Swerdlowsk, etwa 100 km entfernt, in der tüchtige russische Kräfte nach neuesten Methoden praktizierten. Schaffen Sie mich dorthin, bat von Strachwitz. Wenn Sie mich hier lassen, so sprechen Sie bitte nicht weiter von Heilung und Behandlung.

...sondern von Pfuscherei, ergänzte einer seiner Kameraden.

...oder von Totschlag! Täter ist der Russe und Sie sein Arm!

sprach ein anderer.

Ich verbitte mir diese Anklagen! schrie der Arzt und wollte aus dem Zimmer. Der Weg wurde ihm vertreten, die Tür zugehalten. Was gedenken Sie zu unternehmen fragten die Kameraden scharf und nachdrücklich.

Es ist zu spät, antwortete er kleinlaut, von Strachwitz wird den Transport nicht überstehen...

Der Arzt war fort. Strachwitz lag im Bett und hielt die Augen geschlossen. Dann blickte er auf und sagte langsam und nachdenklich: Na ja, dann eben sterben!

Seine Kameraden waren betroffen und ergriffen. Zu einem von ihnen sagte er: und dabei lächelte er nachsichtig: Was Sieg mein Lieber, mir in den letzten Tagen alles vom Gesundwerden versprochen haben - es wird wohl schwer mit dem Halten. Sie sind ein bißchen in meiner Schuld... deshalb bringen Sie das hier für mich nach Hause, nach Deutschland. Er löste ein kleines Ledertäschchen, das an einer Schnur vom Hals auf die Brust herabhing, und übergab es ihm. Darin war ein winziges Kruzifix, das ihm einst seine Frau, noch als Braut, geschenkt hatte.

Einen Tag später, es war Montag, der 19. Oktober, war er meist ohne Bewußtsein. Einmal sagte er: Daß ich hier so verrecke... um dann verscharrt zu werden wie ein Hund. Tiefe Trauer war in seinen Augen, bevor sie sich wieder in unbestimmten Weiten verloren.

Als ihn am Abend noch einer fragte: Was kann ich für Sie tun. antwortete er kurz: Danke, nichts, mein Guter. Es war das letzte Aufleuchten seiner Augen. Am 21. Oktober 19539 morgens gegen 5 Uhr westsibirischer Zeit, das ist 1 Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit, schlossen sie sich für immer.

Die Obduktion der Leiche ergab Lebercyrrhose. Nach Meinung von Ärzten ist dies eine Krankheit, die durch schlecht kurierte Gelbsucht hervorgerufen wird.

General von Strachwitz wurde im Leichenhaus, einem kleinen, sauberen Erdbunker in der Nähe des Lazaretts aufgebahrt. Ein großer Teil der ihm nahestehenden Kameraden verabschiedete sich hier von ihm, da die Teilnahme an der Beisetzung auf dem Friedhof von der sowjetischen Lagerführung allgemein verboten worden war.

Strachwitz lag im Sarg, als ob er schlief. Er pflegte auf dem Rücken liegend zu schlafen, lang gestreckt, die Beine geschlossen. Es schien immer, als könne er auch im Schlafe nicht die Haltung verleugnen. So lag er jetzt im Sarge, seine Züge waren ruhig, dabei von einer gewissen Entschlossenheit - letzter Ausdruck des Kampfes über die Schlußstrecke seines Leidensweges. Die Hände waren ihm über den Leib gefaltet. Gekleidet war er in sein olivgrünes Sporthemd mit Achselstücken, dunkle Hose und Schnürstiefel. Morgens gegen 9 Uhr wurde der Sarg geschlossen, auf einen Feldwagen gehoben, der von einem Panjepferd gezogen wurde. Es ging aus dem Lager hinaus, das Beisetzungskommando von 6 Kriegsgefangenen folgte dem Wagen. Ein russischer Hauptmann und 2 Soldaten waren zur Bewachung eingesetzt.

Die Strecke war zunächst schlecht. Das Pferd ging manchmal bis zu den Knien im Wasser. Als der Wald erreicht wurde, begann trockener Untergrund. Der Weg war eine selten befahrene Schneise. Buntes Laub lag im Grase. Es war ein sonnig klarer Herbsttag. Tiefer Friede' war im Walde, die Räder fuhren weich und geräuschlos über den Boden dahin, die Begleitung war schweigsam. Nur hin und wieder schnaufte das Pferd und die Spechte klopften.

Nach etwa einer Stunde war der Friedhof erreicht, eine Fläche, 30 m im Geviert, in einer Lichtung des Urwalds gelegen. Das Beisetzungskommando begann, das Grab auszuheben, den Zaun und das Tor des Friedhofs herzurichten. Das Pferd weidete außerhalb, etwas abseits hatten die Russen ein Lagerfeuer gemacht, in dem sie die mitgebrachten Kartoffeln rösteten.

Das Grab war geschaufelt, in der 3. Reihe der Gräber, als sechstes von links. Langsam wurde der Sarg hinabgelassen. Jetzt stand er unten. Die Taue wurden eingezogen. Einer nach dem anderen der Anwesenden trat heran und warf 3 Händevoll Erde hinab. Dann wurde geschaufelt und es klang dumpf von unten herauf. Als die Grube angefüllt war, wurde ein schlichtes Kreuz aus Birkenholz darauf gestellt. Der letzte Dienst war ihm erwiesen. Die fremde Erde hatte General von Strachwitz aufgenommen.

Fremde Erde, unermessliche Weite wurde Dein Schicksal. In zwei Kriegen, die die Welt erschütterten, kämpftest Du in Steppe, Wald und Sumpf des Ostens, an der Spitze Deiner Soldaten, siegreich im Vormarsch, ausharrend im Schlamm des Grabens, in zähen Rückmarschgefechten Vorbild deutscher Tugend, so edel gegenüber Freund und Feind, daß es dem Heute wie Legende klingen mag. Dann kam das große Dulden und Kämpfen in der Gefangenschaft, der Wille, durchzustehen bis zu einer ungewissen Heimkehr.

Du sahst die Heimat nicht wieder, auch Deine Lieben nicht. Die fremde Erde nahm Dich auf. Wer mißt die tiefe Tragik dieses Worts 1945 - 19539 8 Jahre Warten, tägliches Gefecht gegen Erpressung, Lüge und Drohung

eines übermächtigen Feindes, tägliche Zweifel und Mutlosigkeiten, tägliche Siege und Überwindungen, täglicher Trotz dem Zugriff des Feindes und dann - sterben, ohne die Freiheit wiedergekostet zu haben.

8 Jahre in überfüllten, häßlichen Baracken zu schlafen und zu erwachen, um sich des ekelhaften Ungeziefers zu erwehren, im Winter auf der Pritsche zu frösteln und im Sommer um Luft zu ringen und dann... sterben, ohne vom deutschen Waldesrauschen wieder umfangen zu sein.

8 Jahre leben in Masse, hören müssen, was hundert andere gleichzeitig sprechen, singen, summen oder pfeifen, nicht reden, schreiben, gehen können wie es beliebt. Immer Geduld üben, immer hinunterschlucken, was Dich ärgert, indem Du auf die Freiheit hoffst, und dann... sterben, ohne frischen Wind in freier Flur geatmet zu haben. Dich nahm die fremde Erde auf. Was alles litt Dein Körper, der dort unten ruht! Hunger - Hunger, fast immer Hunger; wieviel tausend und abertausendmal faßten Deine Hände den Spaten, schwangen Deine Arme die Spitzhacke in hartes Gestein, wieviel tausendmal schlepptest Du Dich von quälender Arbeit zurück ins Lager, übermüde, durch Schneesturm oder klirrenden Frost. Und dann... sterben, ohne Deine Lieben nochmal umarmt zu haben. Was alles litt Dein Geist! Scharfes Denken und Feinfühligkeit, die Dir eigen waren, offenbarten Dir die Widrigkeiten der fremden Welt in grellen Farben. Sie schmerzten tief und riefen Ekel wach. Viele litten an Körper und Seele, doch wenige nur so tief wie Du, so ehrlich, so entschieden und so schmerzlich und dann... sterben.

Du warst zu klar und Du sahst zu klar. Anpassung war Dir fremd, war Dir Verrat, verwaschenes Getue Dir verhaßt - Du gingst den schmalen, steilen Pfad der Tugend - unter Gefahr und Opfer, doch bliebst Du immer stark, geduldig, duldend. Du bliebst Sieger. Deshalb hat Dich der Tod uns nicht geraubt. Er hat Dich vollendet. In dieser Vollendung wirst Du uns bleib en, Deiner Familie, dem deutschen Soldaten und Deinem Volk.